Zeitung Heute : "Stern" auf Mördersuche: Chronik eines zufälligen Todes

Markus Huber

Die Agentur-Meldung war knapp und tragisch: "Bewaffnete Männer töteten zwei deutsche Journalisten." Es war der 13. Juni 1999, die NATO-Luftschläge gegen Jugoslawien waren gerade einmal einen Tag lang eingestellt, die zwei Journalisten waren zwei Redakteure des "Stern": der Außenpolitiker Gabriel Grüner und der Fotograf Volker Krämer. Kurz darauf wurde auch ihr Dolmetscher, der Mazedonier Senol Alit, gefunden. Auch er war tot.

Über die Täter war nichts zu erfahren, dafür machten schnell Gerüchte die Runde: Die "Stern"-Leute seien auf der Suche nach Massengräbern in eine Falle gelockt worden, hieß es. Bestätigt werden konnte das nicht, die üble Nachrede aber blieb: Die Journalisten hätten sich in eine Gegend vorgewagt, in der sie nichts zu suchen gehabt hätten, sie hätten sich leichtsinnig gefährdet.

Ein Vorwurf, den das Hamburger Magazin nicht auf sich sitzen lassen konnte und wollte. Welche Zeitung hört es schon gerne, dass sie ihre eigenen Leute vorsätzlich in Lebensgefahr bringt - oder auch nur zulässt, dass sich Mitarbeiter wegen einer tollen Geschichte in Gefahr bringen? Der "Stern" begann auf eigene Faust zu recherchieren - die Ergebnisse sind nun nachzulesen.

Gabriel Grüner war zum Zeitpunkt des Anschlags 35, Volker Krämer 56 Jahre alt. Beide waren erfahrene Kriegsberichterstatter, beide galten nicht als Hasardeure. Und daran ändert auch die aktuelle Geschichte nichts. Laut "Stern" ist der tragische Tod das Produkt eines fatalen Zufalls. Ein Unglück, das im Grunde von niemandem zu verhindern gewesen war - nicht von Grüner, nicht von Krämer und von der Hamburger Zentralredaktion schon gar nicht.

Die beiden Journalisten waren am 13. Juni den ganzen Tag in Prizren im Südwesten des Kosovo gewesen, um den Einmarsch der KFOR-Truppen zu beobachten. In der Stadt herrschte das blanke Chaos. Albanische Zivilisten wollten in den Ort, jugoslawische Soldaten rasch hinaus. Immer wieder kam es zu Schießereien. Gegen 17 Uhr machten sich Grüner, Krämer und ihr Fahrer auf den Rückweg nach Mazedonien. Weil der kürzere Weg angeblich vermint war, wählten sie die Strecke über den Dulje-Pass, die als sicher galt. Und es doch nicht war.

Laut den "Stern"-Recherchen, die sich im Wesentlichen auf die anonymen Aussagen zweier ehemaliger jugoslawischer Soldaten stützen, hatte die jugoslawische Armee an diesem 13. Juni auf dem Pass noch einen Kontrollpunkt unterhalten. Kurz nach 17 Uhr soll es dort zu einem Unfall gekommen sein. Der Russe Alexander T., der sich als Freiwilliger zur serbischen Armee gemeldet hatte und nun auf der Flucht vor der KFOR war, raste auf der Passhöhe mit seinem Fluchtauto in einen Armeetransporter, der vom Kontrollposten angehalten worden war. Nur wenig später kamen Grüner, Krämer und ihr Fahrer Alit an dem Posten an. Alexander T. hatte sich da gerade aus seinem Wagen gezogen und brauchte ein neues Fluchtauto. Mit seiner Kalaschnikow feuerte er durch das offene Fenster des "Stern"-Fahrzeuges. Krämer und Alit waren sofort tot, Grüner erlag seinen Verletzungen um 22 Uhr in einem Feldlazarett. Alexander T. konnte mit dem "Stern"-Auto flüchten.

Recherchen in eigener Sache sind für Journalisten immer schwierig, das merkten auch die "Stern"-Redakteure. "Bei dieser Recherche über unsere Kollegen fühlt man natürlich eine ganz besondere Verpflichtung", sagt "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn, "Gleichzeitig versucht man, seine Emotionen im Griff zu behalten." Die Angehörigen wurden über den Stand der Ermittlungen informiert. Zufriededen sind sie mit der Story trotzdem nicht: "Wir sind natürlich froh, dass jetzt die Hintergründe bekannt werden", sagt Gabriel Grüners Bruder Peter stellvertretend für die Angehörigen: "Wir sind aber nicht glücklich darüber, dass die Geschichte so erschienen ist." Der "Stern", der immer großen Wert auf die Optik legt, zeigt in seiner Donnerstags-Ausgabe großformatig die Leichen von Grüner, Krämer und Alit.

Juristisch geht die Sache weiter. Kommende Woche soll ein Hamburger Gericht entscheiden, ob Alexander T., der nun in Moskau lebt, aufgrund der Recherchen zur Fahndung ausgeschrieben wird.

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