Zeitung Heute : Sternhagelvoll

Astronauten der US-Raumfahrtbehörde Nasa sollen angetrunken ins All gestartet sein. Außerdem wurde ein Computer der Raumfähre „Endeavour“ sabotiert. Warum kommt die Nasa nicht aus den Schlagzeilen?

Matthias B. Krause[New York]

Zwölf Stunden vor dem Start dürfen Nasa-Astronauten zum letzten Mal Alkohol trinken – so steht es in den Dienstvorschriften der US-Raumfahrtbehörde. Doch in mindestens zwei Fällen sind amerikanische Raumfahrer wohl mit jeder Menge Restalkohol unterwegs gewesen. Unter Berufung auf einen Untersuchungsbericht der Nasa berichtete das Fachmagazin „Aviation Week & Space“ am Freitag, die betrunkenen Astronauten seien an den Start gegangen, obwohl Kollegen davor gewarnt hätten. Demnach versagten die Sicherheitskontrollen der Nasa.

„Von betrunkenen Astronauten habe ich noch nie gehört, aber natürlich gibt es bei den traditionellen Grillfesten vor einem Start Wein und Bier“, berichtete der Nasa-Arzt Jonathan Clark in einem Interview des US-Senders CNN. Die Astronauten stünden tatsächlich oft „unter einem enormen Stress und leiden oft unter großer Übermüdung“, sagte Clark. Viele Astronauten, die in den USA den „Status von Rockstars“ hätten, feierten gerne und seien auch für Seitensprünge besonders anfällig. „Schwerer Alkoholkonsum“ kurz vor dem Start sei unter Astronauten verbreitet, heißt es offenbar auch in dem Nasa-Bericht.

Die Meldung von den betrunkenen Astronauten wurde ausgerechnet an jenem Tag veröffentlicht, an dem die Nasa einen weiteren peinlichen Vorfall eingestehen musste. Demnach sabotierte ein Mitarbeiter einer Zulieferfirma einen Computer für die aktuelle Mission, zu der die Fähre „Endeavour“ am 7. August starten soll. „Der Schaden ist sehr offensichtlich und leicht zu erkennen“, sagte Missionschef Bill Gerstenmaier. Ein Teil der Kabel an einem der Computer sei mutwillig zerschnitten worden. Die Sabotage sei bei der Inspektion der Zulieferfirma entdeckt worden. Der Computer ist für die Internationale Raumstation gedacht. Der Fall wäre spätestens bei der Endinspektion vor dem Start aufgefallen, sagte er.

Seit Anfang des Jahres wird die amerikanische Raumfahrtbehörde von einem ganzen Sturm schlechter Nachrichten geplagt. Der Fall der offensichtlich psychisch gestörten Astronautin Lisa Nowak, die im Februar versuchte, eine Nebenbuhlerin mit Gewalt aus dem Weg zu räumen, hatte ernsthafte Zweifel an dem Auswahlprozess für die höchsten Nasa- Mitarbeiter geweckt. Die daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission war es auch, die jetzt zu dem Schluss kam, dass in zwei Fällen betrunkenen Astronauten erlaubt worden war zu fliegen. Himmel überrascht das kaum: „Astronauten sind alle Brüder und Schwestern, die sich gegenseitig decken. Und wer weiß schon, welche Rolle sie hatten. Wenn sie nur Passagiere im Mittelsitz waren, dann denkt man: ‚Ich hoffe, sie kotzen wenigstens nicht auf dem Weg nach oben.‘“

Ein Streik der Bodenmitarbeiter und eine Schießerei am Johnson Space Center in Houston, in der sich ein Angestellter selbst erschoss, müssen da fast schon als Nebensächlichkeiten gelten. In dieser Woche bemängelte der Bundesrechnungshof, dass die Nasa in den vergangenen zehn Jahren Büromaterialien im Wert von 94 Millionen Dollar „verlor“. „Die Probleme haben ihre tiefen Wurzeln in der Kultur der Behörde, die keine Rechenschaft verlangt“, heißt es in dem Bericht.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben