Zeitung Heute : Sternschnuppen und laue Nächte auf hoher See

Die „Walross III“ segelt auf dem Wannsee – und in der Karibik

Annette Kögel

„Laue Nächte. Sternschnuppen ohne Ende. Am Tag spendet nur ab und zu eine einzelne Wolke Schatten.“ Es ist eine andere Welt da draußen, mitten auf dem Ozean irgendwo zwischen Afrika und Lateinamerika, das spürt man beim Lesen der E-Mail von Bord. Knapp drei Wochen hat die Crew vom Akademischen Segler-Verein aus Spandau für ihre Atlantiküberquerung gebraucht: 17 Tage lang auf hoher See und Kontakt zur Heimat nur über den Bordcomputer. „In der Karibik das erste Mal wieder Land unter den Füßen zu haben, das war schon ein irres Gefühl“, sagt Ivo Schuppe, Crewmitglied auf der „Walross III“.

Üblicherweise segelt das Ausbildungsschiff der Berliner Studenten nicht auf dem Atlantik, sondern auf Wannsee und Havel. Die 16 Meter lange und 4,40 Meter breite Yacht hat bereits Törns rund um Kap Hoorn und bis Australien hinter sich. Die aktuelle Ozean-Überquerung gehört zum Projekt „Atlantische Brücken“ unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Die segelnden Berlin-Botschafter wollen unter anderem auf Kuba Alexander von Humboldt nachspüren – und dann Kurs nehmen auf New York. Dort besuchen sie jene Feuerwehrleute, die kürzlich im Seglerhaus an der Scharfen Lanke bei ihnen zu Gast waren.

Rechtzeitig vorm Einlaufen wird ein neues Großsegel gesetzt – mit den Logos vom Friedrichstadtpalast und der Arbeitsgemeinschaft Friedrichstraße. „Wir konnten die Unternehmen als Sponsoren gewinnen, weil sie Touristen aus den Vereinigten Staaten als Kundschaft umwerben wollen“, sagt Segler und Mitorganisator Claus Reichardt zu der ungewöhnlichen Partnerschaft auf hoher See.

An solch ein Vorhaben dachte noch niemand, als zehn Studenten der Königlich Technischen Hochschule Charlottenburg, wie die TU damals hieß, vor 116 Jahren den Segelverein gründeten. Der Vereinskutter „Matador“ erreichte 1888 als erste deutsche Yacht überhaupt die Stadt Stockholm. Später, in den 30er Jahren, segelten die Berliner mit ihrer „Prosit III“ rund um England, 1972 erreichte das alte „Walross II“ als erste deutsche Yacht das nördliche Eismeer und Spitzberge. Und jetzt dieser symbolhafte Törn zwischen den Welten – mit unvergesslichen Naturerlebnissen.

„Wir haben einen Wal gesichtet, der etwa fünf Schiffslängen entfernt vorbeischwamm und eine Fontäne blies. Leider noch keine Delfine“, berichtete Psychologie-Student Michael Knoche und Diplom-Politologe Martin Machunze von Bord. Rund um die Uhr wurde Wache gegangen, und jeder musste mal ans Ruder. Wachwechsel gab es alle vier bis sechs Stunden. Und die Verpflegung? „Gegen das Mensa-Essen war die Walross-Kombüse wie ein Luxusrestaurant“, findet die 22-jährige Grete Ernst, Studentin der Schiffs- und Meerestechnik. Mir dem Wetter hatten die Berliner Glück. „Besegelung seit Tagen: Groß und Spinnaker“, ist im Logbuch nachzulesen. Wenig Wind also, ruhige Fahrt. Da konnten sich die Acht an Bord anlässlich des Bergestes auf halber Strecke „einen Schluck liebevoll gemischtes Gebräu Sektbowle“ gönnen. „Als wir dann im Zielhafen von Bequia ankamen, war das ein erhebendes Gefühl“, erinnert sich Ivo Schuppe. Es sei auch für das Alltagsleben „ein erhebendes Gefühl, etwas, das man sich vorgenommen hat, auch wirklich geschafft zu haben“.

Derzeit nimmt ein anderes „Walross“- Team an der Heineken-Regatta teil. Im Segel-Mekka Newport nördlich von New York sollen die Vorbereitungen auf die „DaimlerChrysler North Atlantic Challange“ beginnen. Eine Herausforderung auch für die Wassersportler vom Spandauer Verein: Die Route führt südlich von Neufundland an einer Position vorbei, die auch „Walross III“ passieren muss. Der Sicherheit wegen, bei all den Eisbergen.

Inzwischen ist die Crew der Transatlantik- Passage wieder wohlbehalten zurückgekehrt, und jene Tagebucheintragung bleibt nur noch schöne Erinnerung: „Tags ist es sehr heiß. Wir hier können uns Schnee nur noch sehr schwer vorstellen.“

Die Atlantik-Brücke im Internet: www.asv-berlin.de

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