Zeitung Heute : Steuererklärung am PC: Das E-Finanzamt bleibt Zukunftsmusik

Wer sagt denn, Finanzbeamte hätten keinen Humor? Seit Januar 1999 kann jeder seine Steuerdaten auch elektronisch übers Internet ans Finanzamt schicken. Und das Programm dazu tauften die zuständigen bayerischen Beamten nach dem diebischen Vogel "Elster" - ein Kürzel für ELektronische STeuerERklärung.

Mittlerweile nimmt jede Finanzverwaltung in Deutschland elektronische Steuererklärungen an, die vom Computer zu Hause aus per E-Mail ins Amt flattern. Ein seltener Fall von Einstimmigkeit, schließlich bietet üblicherweise jede Stadt unterschiedliche Dienstleistungen im Netz an. Im Rahmen des Wettbewerbs "Innovative Verwaltung 2000" wurde das Projekt "Elster" sogar ausgezeichnet.

Um an "Elster" teilzunehmen, benötigt man neben einem Internetanschluss eines der im Test vorgestellten Steuer-Programme. Hier werden die Daten für den Ausdruck der Steuererklärungsformulare elektronisch erfasst. Durch die "Elster"-Software werden die Daten schon beim Anwender auf logische und formale Richtigkeit hin geprüft, anschließend verschlüsselt und an die Steuerverwaltung online übertragen. Diese ist dann in der Lage, die bereits erfassten elektronischen Daten zur Weiterverarbeitung in den Rechenzentren zu nutzen.

Der Vorteil dieser Technik für das Finanzamt liegt auf der Hand: "Elster" vermindert den Aufwand für die Datenerfassung und damit auch die Kosten. Ganz so eindeutig ist der Nutzen für den Anwender dagegen nicht. Trotz aller Elektronik verzichtet "Elster" nämlich nicht völlig aufs Papier. Nach wie vor müssen Belege, Lohnsteuerkarte und der Ausdruck einer komprimierten Steuererklärung per guter alter Snail-Mail ans Finanzamt verschickt werden.

Was fehlt ist vor allem eine rechtskräftige, elektronische Unterschrift, ohne die in der Amtsstube gar nichts läuft. Erst, wenn die Online-Signatur als gleichberechtigt zur persönlichen Unterschrift anerkannt wird, kann das System richtig funktionieren. Die elektronische Steuererklärung ist dabei nur ein Schritt hin zum virtuellen Rathaus, auch E-Government genannt. Ein entsprechender Gesetzentwurf zur elektronischen Unterschrift soll 2001 vom Bundestag verabschiedet werden. In Kommunen wie Bremen gibt es bereits erste Versuche mit dem virtuellen Rathaus. Bis Mitte 2002 sollen hier 70 Verwaltungsakte vom Bürger via Internet abgewickelt werden können. Die ehemalige Hansestadt setzt bei solchen Transaktionen auf das HBCI-Verfahren, das speziell für das Homebanking entwickelt wurde, in Verbindung mit einer kombinierten Signatur-Geldkarte der Sparkasse.

Zwar sollen sich dank "Elster" die Bearbeitungszeiten erheblich verkürzen, doch eine Bevorzugung der mit "Elster" übermittelten Erklärung ist nicht erlaubt. Immerhin müssen die Daten nicht mehr manuell vom Papier in die Rechner der Finanzverwaltung übertragen werden, wodurch wenigstens eine Fehlerquelle ausgeschaltet wird. Da die meisten Bürger Geld vom Finanzamt erstattet bekommen, erhalten sie so den Bescheid eventuell doch etwas schneller.

Trotz der geringen Vorteile scheint die Akzeptanz von "Elster" zu wachsen. 1999 wurden bundesweit mehr als 110 000 Steuererklärungen übers Netz übertragen und bis Ende September 2000 lagen bereits über 135 000 Anträge vor.

Den Durchbruch von "Elster" erwartet die Finanzverwaltung mit der massenhaften Verbreitung von digitalen Signaturen. Die elektronische Unterschrift soll eine umfassende digitale Kommunikation zwischen Steuerpflichtigen und der Steuerverwaltung ermöglichen. Dann könnte das "Elster"-Verfahren auf alle steuerlich relevanten Daten ausgedehnt werden. Doch wann das E-Finanzamt soweit sein wird, steht noch in den Sternen. "Elster" kann sich heute gerade mal die Steuer-Daten vom Anwender schicken lassen, den Steuerbescheid auch elektronisch abzuholen, ist noch Zukunftsmusik. Eigentlich sollte es im Herbst 2000 soweit sein, jetzt ist Anfang 2001 im Gespräch. In welchen Bundesländern dies dann der Fall sein wird, weiß man noch nicht. Fest steht nur: Handarbeit bei der Steuererklärung wird auch noch in den nächsten Jahren gefragt sein. HOLGER SCHLÖSSER

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