Zeitung Heute : Stille Nacht, ewige Nacht
18.12.2001 00:00 UhrAn tristen Wintertagen gibt es einen Trost aus dem Internet: In Sekundenschnelle lässt sich ein Sonnenaufgang auf den Bildschirmhintergrund des Computers zaubern und schon geht es der von Kälte und Trostlosigkeit geschundenen Seele ein Stück besser. Zudem hilft vielleicht die Lektüre eines Reiseberichts aus dem Netz über die Winterdepression hinweg. Manch Weltreisender tut der Internetgemeinde den Gefallen und nutzt das weltumspannende Medium und den eigenen Laptop selbst in den entlegensten Gegenden des Planeten.
Unter www.worldtrip.de berichtet beispielsweise ein deutsches Ehepaar fast täglich recht spannend von den Erlebnissen auf einer mittlerweile bereits mehr als anderthalb Jahre dauernden Reise rund um den Globus.
Richtig bunt sind die Seiten dank hübscher Bilder von den Sandstränden dieser Welt und den Sehenswürdigkeiten in den sonnigen Gegenden am Äquator. Ganz und gar nicht farbenfroh werden hingegen die Bilder sein, die Alexandra Müller in den kommenden Wochen ins Netz stellt. Die ZDF-Mitarbeiterin fährt den genau entgegengesetzten Kurs, um Winterdepressiven Trost zu spenden: Statt Fernweh nach dem Süden zu wecken, schockt sie mit der Härte des Nordens, wo alles noch viel schlimmer ist als bei uns.
Müller ist am Donnerstagnachmittag mit einem kleinen Propellerflugzeug in der Dunkelheit Spitzbergens angekommen. Seit Anfang November hat kein Sonnenstrahl mehr das Archipel gestreift, das lediglich 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt in nächtlicher Dunkelheit liegt. Aus der Polarnacht nahe des 80. Grads nördlicher Breite will Müller für den programmbegleitenden Internetauftritt der Fernsehsendung zdf.reporter berichten. Vier Wochen lang wird die Online-Redakteurin Tag für Tag Geschichten vom Leben am Ende der Welt unter www.reporter.zdf.de ins Netz stellen. Die Winterreportage der Online-Redakteurin soll die Stammzuschauer von Steffen Seiberts Fernsehmagazin bei der Stange halten und zugleich auf die erste Sendung nach den Weihnachtsferien vorbereiten: Am 16. Januar widmen sich die ZDF-Reporter zum Jahresauftakt dem Thema Kälte.
Müller will den Besonderheiten des Lebens im Eis bereits in den kommenden Wochen nachspüren. Sie lebt während dieser Zeit bei einer deutschen Forscherin und ihren zwei männlichen Kollegen im Haus des Alfred-Wegener-Instituts. Die deutschen Klimaforscher arbeiten wie rund 30 weitere Wissenschaftler aus mehreren Ländern in der Polarstation "Koldewey". Dort stellen sie die Winterbesatzung, die den Forschungsbetrieb aufrecht erhält. Im Sommer suchen vier mal soviele Wissenschaftler nach Hinweisen auf die Ursachen von Polareisschmelze und Treibhauseffekt.
Die ZDF-Frau plant, in täglichen Reportagen den Alltag in der Grenzsituation fernab der restlichen Welt darzustellen. "Ich finde es ausgesprochen spannend, dass die Station technisch absolut perfekt ausgestattet und vollkommen zivilisiert ist, während man nur 50 Meter entfernt ein Gewehr braucht wegen der gefährlichen Eisbären", sagt Müller. Sie erwartet, dass sich angesichts dieser ungewöhnlichen Lebensumstände Erlebnisse ergeben, die den Besuch auf der Homepage lohnenswert machen.
"Die Menschen, die dort leben, sehen ganze drei Monate lang kein Tageslicht, sie hängen die ganze Zeit aufeinander, sie können sich gar nicht aus dem Weg gehen und sich kaum einmal aus dem kleinen Bereich rund um ihre Häuser fortbewegen", sagt Alexandra Müller. "Da müssen sich doch ganz besondere Situationen ergeben, die ich erzählen will."
Müller will in ihrem Online-Tagebuch beschreiben, wie die Forscher arbeiten, was sie in ihrer Freizeit in einem Radius von rund 50 Metern um das eigene Gebäude herum treiben, wie sie jenseits der Zivilisation und fernab der eigenen Familie Weihnachten oder Silvester feiern. Zudem wird sie am 22. Dezember auch noch ihren 30. Geburtstag im Kreis der Wissenschaftler verbringen. Keine besonders schöne Situation für sie. "Ich bin eigentlich ein Weihnachtsmensch und bin während dieser Zeit zuhause bei meinen Eltern. Deshalb ist das auch für mich eine Grenzsituation."
Dabei haben es Alexandra Müller und die Forscher mit ihrem Wohn- und Arbeitsplatz am Ende der Welt noch vergleichbar gut getroffen. Die Polarstation ist an der Westküste der Insel angesiedelt. Dort fließt auch der Golfstrom vorbei und bringt vergleichbar warme Luft mit sich. Während das Thermometer rund hundert Kilometer östlich Temperaturen von bis zu minus 40 Grad anzeigt, ist es in der Station "Koldewey" in den beiden kommenden Monaten stolze 20 Grad "wärmer".








