Zeitung Heute : Stilles Ritual

ALBRECHT DÜMLING

Komponistenporträt HosokawaSchon im Dezember 1982 hatte er für eine Überraschung gesorgt, als er als einer der jüngsten Teilnehmer den Kompositionswettbewerb zum 100jährigen Bestehen des Berliner Philharmonischen Orchesters gewann.Konsequenter als sein Lehrer Isang Yun schlug der 1955 geborene Japaner von Beginn an einen eigenen asiatischen Weg ein.Hosokawa praktiziert statt einer Synthese der Kulturen den deutsch-japanischen Kulturaustausch.Wirkungsvoll geschieht dies vor allem in dem von ihm geleiteten Akiyoshidai Festival, das schon als "japanisches Darmstadt" bezeichnet wurde.
Dem entsprach die Auswahl der an diesem Komponistenporträt beteiligten deutschen und japanischen Interpreten.Daß sie die jeweils andere Kultur kennen, ist grundlegend.Dem Interpreten wächst deshalb über die Wiedergabe des Notentexts hinaus eigene schöpferische Verantwortung zu.Er muß Spannung und Aura erzeugen.Fehlt diese Kultur der auratischen Imagination, wirken Hosokawas meist schlichte Kompositionen wie leere Hülsen.So geschah es, daß die von Bernhard Wambach gespielten "Nacht-Klänge" für Klavier - eine Studie über hart angeschlagene Töne und deren natürlichen oder pedalisierten Nachhall - viel größere Ausstrahlung besaßen als das von Eberhard Blum uraufgeführte "Atem-Lied" für Baßflöte.Am stärksten ließen vertröpfelnde Klappengeräusche aufhorchen. Daß man auch mit einfachen Elementen große Wirkung erzeugen kann, bewies Isao Nakamura bei "Sen VI" für Schlagzeug solo.Der heute in Karlsruhe lehrende Künstler machte allein schon aus dem Heben der Hände, die dann ruckartig auf die beiden Congas herabfielen, ein stilles Ritual.Ungewöhnlich sonore Mehrklänge erzeugte Nakamura durch Reiben auf der großen Trommel, wonach ein gleißend heller Triangelschlag die Schlußpointe setzte. Fast alle Hosokawa-Kompositionen besitzen überzeugende Schlußwirkungen.Einsichtiger als in der Studie II für Tenorsaxophon (Johannes Ernst), Klavier und Perkussion geschah dies in der Studie III für Violine und Klavier, wo die Geigerin Asako Urushihara mit konzentrierten Modulationen alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte.Mehr noch als das durchweg statische Klaviertrio "Memory", das der Komponist 1996 dem Andenken seines Lehrers Isang Yun widmete, ist diese "Vertical time study III" sinnbildlich für den ruhigen, aber bestimmten Weg des Komponisten.ALBRECHT DÜMLING

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben