Zeitung Heute : Stimmen zu Trends im Zeitungsmarkt

Axel Zerdick ist Professor für Publizistik

Auch traditionelle Tageszeitungen sind zu etwa zwei Dritteln aus Anzeigen finanziert. Gratiszeitungen sind eine bedauerliche, aber konsequente Erscheinung werbeabhängiger, kommerzieller Medien.

Axel Zerdick ist Professor für Publizistik

Alles, was nichts kostet, taugt auch nichts. Und was nichts taugt, wie diese Gratiszeitungen, hat keine Zukunft. Das hätte der Markt ohnehin früher oder später so entschieden.

Hans Hermann Tiedje, Medien-Manager und Ex-"Bild"-Chef

Ich glaube, dass diese Gratiszeitungen immer wichtiger werden auf dem Zeitungsmarkt in Deutschland. Es gibt im wesentlichen zwei Trends, die diese Aussage unterstützen: zum einen ist es eine internationale Entwicklung, es gibt solche Beispiele bereits in Schweden und Norwegen. Das sind ausländische Beispiele, die zeigen, dass Gratiszeitungen augezeichnet funktionieren. Zum anderen möchte ich daran erinnern, dass es in Deutschland schon eine Vielzahl von kostenlos verteilten Anzeigenblättern gibt. Pro Woche werden 80 Millionen Exemplare verteilt, und die Anezeigenzeitugenn haben auch die Tendenz, redaktionell besser zu werden. Gratis-Tageszeitungen werden sich auch in Deutschland etablieren. Nicht der Markt hat zum Nichterfolg von Gratiszeitungen geführt, sondern es waren die etablierten Zeitungsverlage, die sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben. Ich denke, dass Gratiszeitungen langfristig sich werden aufhalten lassen, und wenn nicht die etablierten Zeitungsverlage so etwas selber machen werden, dann werden neue Marktteilnehmer von außen dieses Geschäft betreiben.

Peter Caspar Hamel ist Pressesprecher des Velages Gruner + Jahr

Eine Zeitung ist ein Produkt, in dem viel Arbeit und Qualität kostet. Käse und Wurst verschenkt man ja auch nicht auf der Fußgängerzone. Auch journalistische Unabhängigkeit ist nicht umsonst zu bekommen. Die Abhängigkeit der Gratiszeitungen gegenüber ihren Anzeigenkunden ist natürlich besonders groß. Darunter leidet die Berichterstattung. Auch wenn die Informationen aktuell sind: Es kommt darauf an, dass sie richtig eingeordnet und erklärt werden. Das kann nur ein unabhängiger und kritischer Schreiber. Deshalb wird man eine freie Presse nur erhalten, wenn man dafür bezahlt.

Jürgen Engert ist Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtbüros

Privater Rundfunk finanziert sich ausschließlich aus Werbung - dennoch ist jeder Vergleich mit kostenlosen Zeitungen abwegig. Die Zeitungslandschaft kennt keine öffentlich-rechtliche Zwangsbeglückung, die Verlage sind auf die Finanzierung durch Vertrieb und Anzeigen angewiesen. Wer eine dieser Säulen beschädigt - sei es durch kostenlosen Vertrieb, sei es durch Werbeverbote - beschädigt nicht nur die Verlage und die Qualität ihrer Berichterstattung, sondern auch die Meinungsvielfalt in Deutschland. Und die sollte uns wirklich etwas wert sein.

Jürgen Doetz ist SAT.1-Geschäftsführer für Medienpolitik und Unternehmenskommunikation

Dieser Krieg wird gegen die Leser geführt. Die haben Anspruch auf mehr als Pin ups und Horoskope. Die wollen Reportagen und politische Analysen. Dafür braucht es gute Redakteuere und intensive Recherchen. Das kostet Geld. Dieses Geld kann nicht nur aus dem Anzeigengeschäft kommen. Eine Zeitung ist auf Verkaufserlöse angewiesen. Wer mit einem Gratis-Blatt die Konkurrenz ausschalten will, tut das auf Kosten journalistischer Standards. Von der Qualität der Printmedien hängt viel ab: Unsere Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Bürger informiert werden. Eine Boulevardzeitung ganz ohne Inhalte ist nur noch Gaudi, Gosse, Gelaber.

Klaus Bresser ist ZDF-Chefredakteur

Gratiszeitungen sind ein Umweltproblem: Die Straßen und Bahnsteige in Köln sehen schrecklich aus. Inhaltlich sind mir die Blätter zu oberflächlich.

Friedrich Nowottny leitete den "Bericht aus Bonn" und war Intendant des WDR

Erstens ist es eine Bedrohung der klassischen Boulevardzeitungen. Zweitens, diese Zeitungen werden nur erfolgreich sein, wenn sie eine hohe Produktqualität anbieten und drittens, sie brauchen ein ausgeklügeltes Vertriebssytsem. Sie funktionieren bisher nur dann, wenn das Vertriebssystem gekoppelt ist mit dem Pendler-Nahverkehr, um die zehn bis 15 Minuten Lesemöglichkeit optimal zu nutzen. Ich glaube nicht, dass diese Zeitungen Erfolg haben werden, wegen der ausgezeichneten Qualtität sowohl der "Bild"-Zeitung als auch der anderen regionalen Boulevardzeitungen. Und ich glaube nicht, dass man ohne Vertriebserlöse diese Qualität erreichen kann. Oder es braucht ein gewaltiges Investment in einer Großstadt, in der Größenordnung zwischen 50 und 80 Millionen Mark. Und es braucht mindestens zwei bis drei Jahre pro Stadt, bis man zumindest Mitspieler im Markt ist. Es gibt im Medienmarkt viel lohnendere Investments als dieses. Für die Verlagsgruppe Holtzbrinck, die im Qualitätssegment angesiedelt ist, spiegelt das keine Rolle.

Michael Grabner ist als Geschäftsführer zuständig für überregionale Zeitungen und elektronische Medien in der Verlagsgruppe Holtzbrinck.

Gratiszeitungen sind ein Umweltproblem: Die Straßen und Bahnsteige in Köln sehen schrecklich aus. Inhaltlich sind mir die Blätter zu oberflächlich.Tageszeitungen haben in der Bundesrepublik eine hohe gesellschaftspolitische Aufgabe - und nehmen sie, pauschal gesagt, auch wahr. Das gilt nicht nur für die weltweite Berichterstattung, sondern auch für Nachrichten und Hintergrund-Artikel aus der Region. Wenn ein Journalist stundenlang im Gemeinderat sitzt, um anschliessend 40 Zeilen zu schreiben, so ist das sicherlich nicht spektakulär, für den Leser aber wichtig.

Das alles kostet viel Geld. Gratis-Zeitungen können dieses Spektrum auf Dauer nicht abdecken. Deshalb entsteht für die herkömmlichen Zeitungen ein Wettbewerbsnachteil, der letztlich auf Kosten der Leser geht. Auch der Hinweis auf das Privat-Fernsehen ist falsch. Denn die öffentlich-rechtlichen Sender leben in erster Linie von der gesetzlich geregelten Gebührenordnung.

Claus Larass ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender und zuständig für den Vorstandsbereich Zeitungen des Axel Springer Verlags

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