Zeitung Heute : Stimmrecht der Seele

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Von Kathrin Swoboda

Ob man sich das so vorstellen müsse wie ein Transistorradio im Kopf, hat sie einmal jemand gefagt. „Ja, so ähnlich. Nur, dass man es nicht abstellen kann“, war ihre Antwort. Und dass es keine Musik spielt.

Stattdessen wird geschimpft, Gemeinheiten und Kindergemecker hell wie Hammerschläge. Seit 13 Jahren. Seitdem hört Anna Stimmen, 17 war sie, als es losging. Stimmen von Menschen, die es nicht gibt – obwohl, wer weiß das schon, Anna weiß es nicht –, Stimmen von Menschen, die Anna nicht sieht und auch sonst keiner. Sie hat lange nicht gewusst, was das zu bedeuten hat. Und die anderen auch nicht. Wir können den Stimmen nicht zuhören. Wir können uns aber erzählen lassen, wie sie zu Anna gekommen sind und warum sie bei ihr blieben.

Die junge Anna, die in dieser Geschichte anders heißen möchte als im wirklichen Leben, ist begabt, deshalb wechselt sie mit 15 von einer normalen auf eine Sprachenschule. Dort fühlt sie sich unterfordert, genau wie vorher. Sie bewirbt sich an einer Schule für Hochbegabte. Besteht die Aufnahmeprüfung, kann kommen. Ihre Lehrer sind jetzt Universitätsdozenten. Anna schreibt mit, will begreifen, was sie an der Tafel zeigen, aber das meiste versteht sie nicht. Das erste Mal in ihrem Leben ist das so.

An einem Nachmittag sitzt sie zu Hause am Schreibtisch und versucht sich an einer Gleichung, stundenlang. Und jetzt: „Die ist doch zu dämlich!“ Das sagt einer hinter ihr. Und dann hört Anna ihn noch glucksen. Sie dreht sich um, da ist niemand, sie läuft durch die Zimmer, auch keiner, schaut aus dem Fenster. Vielleicht von gegenüber, aus dem Kindergarten? Aber es ist Oktober und kalt, und kein Kind spielt draußen. Anna hat sich verhört.

Die nächste Mathestunde, Anna starrt auf die Tafel wie immer. „Da kannst du gucken wie du willst, du verstehst es nicht!“ Anna erkennt ihn gleich, weiß wieder, dass da niemand zu sehen sein wird, sieht trotzdem nach, dreht den Kopf nach links und rechts. „Du kannst nichts, du bist dumm“, sagt der Unsichtbare. Er wird bei ihr bleiben. Jahre später wird Anna ihm einen n geben. Sie wird ihn Damion taufen. Sie kennt den Namen aus einem Gruselfilm.

Einige Tage nach der Mathestunde werden es noch zwei andere sein, die mit ihr reden. Sie wechseln sich ab, mal der eine, mal die beiden anderen, sie sprechen bald ununterbrochen. Auch heute noch und jetzt, wo Anna am Tisch in einem Berliner Lokal sitzt, Kaffee trinkt und lächelt und redet und aus dem Fenster auf die Straße sieht. Annas Stimmen sind die Stimmen von Männern um die 50. Damion ist ihr Anführer.

Wenn man einschlafen will, stört jedes Geräusch. Und wenn die Nachbarn obendrüber lärmen, klopft man an die Decke. „Ich kann nirgendwo anklopfen“, sagt Anna, „wenn die wissen, dass ich schlafen will, dann erst recht.“ Anna redet, raucht, und wer ihr gegenüber sitzt, will etwas mitbekommen von den Stimmen. Es ist aber nichts zu sehen. Nur ein hübsches schmales Gesicht, die Haare kurz und blond, eine zierliche Frau.

Krankheit oder nicht?

Viele Menschen hören Stimmen. Manche stecken das weg. Manche nicht. Sie sind erschrocken und leiden unter ihnen. Weil sie nicht wissen, wie sie mit ihren Stimmen zurecht kommen sollen. Gehen sie zum Psychiater, wird das Phänomen als halluzinatorische Störung benannt, mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie versehen und mit Tabletten behandelt. Stimmen zu hören ist aber keine Krankheit, andere Merkmale einer psychischen Störung fehlen jedenfalls.

Damals in der Begabtenschule musste also eine Erklärung her für Anna. Sie denkt an Geister, Verstorbene, die sich an ihr festgehakt haben. Aber das muss Unsinn sein. Also bleibt nur eins: Sie ist verrückt. Du denkst, „du bist dabei durchzudrehen“, sagt Anna.

Zwei Jahre verbirgt sie das vor ihrer Familie und den Freunden. Die Tage knallt sie voll mit Orchesterproben und Sport, um Menschen um sich zu haben und nicht mit den Stimmen allein sein zu müssen. Wenn sie dann doch allein ist, legt sie sich auf ihr Bett, macht die Augen zu. Dann liefert sie sich aus, hört den Stimmen zu, lässt sich malträtieren. Stundenlang. Was soll sie sonst machen.

Trotz allem schafft sie das Abitur und beginnt eine Krankenschwestern-Ausbildung. Den Praxis-Teil soll sie in der Psychiatrie machen, ausgerechnet. Als Schwesternschülerin wird sie nun aufmerksam auf andere, die auch Stimmen hören: die Schizophrenen. Anna beobachtet sie und vergleicht sich mit ihnen. Sie geht mit ihnen spazieren, fragt sie aus. So wie die ist sie doch nicht? In den Pausen sitzt sie im Schwesternzimmer, kocht Kaffee, plaudert mit den Kollegen.

Eine Zeitlang geht das so, bis irgendwann ihr Haustier stirbt, eine Maus. Anna bricht zusammen. Der Notarzt kommt und empfiehlt ihr sechs Wochen Psychotherapie in einer Berliner Klinik. Anna sagt nicht, was ihr Problem ist. Die sollen nur nichts merken. Nicht, dass sie doch eigentlich verrückt ist.

Die in ihrem Kopf toben, werden aggressiv. Das ist am Tag so, und in der Nacht findet alles seine Fortsetzung in Albträumen. Wochenlang. Eines Nachts brüllt Anna im Schlaf. Sie wacht auf. Um sie herum Ärzte und Schwestern. Anna sagt, die Stimmen erzählten entsetzliche Dinge. Es ist raus. „Ach so, Sie hören also Stimmen?“ Ab auf die Geschlossene. Da kann man was machen, sagen die Ärzte. Sie bekommt die Diagnose Schizophrenie und Tabletten, zuerst Haloperidol. Ein Medikament, das aus ihr eine lebende Leiche macht, sagt Anna. Sie kann sich nicht bewegen und nicht denken, alles ist gedämpft. Aber die Stimmen verschwinden nicht, bewegungslos ist Anna ihnen noch mehr ausgeliefert. Und sie verträgt die Medizin nicht. Zum Glück, sagt Anna, zum Glück bekommt sie einen heftigen Krampf am ganzen Körper. Das Medikament wird abgesetzt. Neue werden verordnet. Lyogen, Fluanxol, Leponex. Sie schwemmt auf, der Speichel fließt. „Ich kam 85 Kilo schwer und sabbernd aus der Klinik.“ Anna lacht jetzt.

Aus sechs Wochen Psychiatrie ist ein Jahr geworden. Sie vertraut den Ärzten nicht mehr. Sie setzt die Medikamente ab. Später einmal wird eine Psychologin sagen, dass sie immer daran zweifelte, ob Anna wirklich schizophren sei. Aber sie hatte keine andere Erklärung. Man braucht als Mediziner eben ein Wort dafür, eine Diagnose, eine Tabelle. Aber Stimmen zu hören ist nicht gleich schizophren zu sein. Beweglich denkende Psychiater wissen das, das steht auch in deren Lehrbüchern, sagt Anna.

Nach einem Jahr in der Klinik beginnt Anna eine Lehre als Bauzeichnerin. Die Arbeit macht Spaß. Annas Stimmen werden in den Hinterkopf verbannt. Ein Jahr später fängt sie an, Architektur zu studieren. Neue Situationen, neue Menschen, Unistress. „Ich hatte mein Leben überhaupt nicht mehr im Griff. Neben den Stimmen schwirren Selbstmordgedanken in ihrem Kopf. Sie hat noch Tabletten von früher, weiß, wie sie sie kombinieren muss. Sie hat das mal gelernt.

Sie wird wach. Es schmerzt in ihrem Hals. Sie hat Durst. Sie will trinken, sie kann nicht sprechen. Das Bewusstsein schwindet wieder. Dämmerzustand. Dann wieder Wachsein. Durst. Die Schwester kommt und tätschelt ihre Hand. „Alles wird gut“, sagt sie. Anna liegt auf der Intensivstation mit einem Schlauch im Mund und muss beatmet werden. Für Außenstehende ist dieser erste von vielen Selbstmordversuchen aus der Luft gegriffen, verblüffend. Alles war doch so perfekt. Ein intakter Freundeskreis, gute Prüfungsergebnisse. Dieser Kreislauf geht Jahre.

Anna springt dem Tod immer wieder von der Schippe, man lässt sie nicht sterben. Den Ärzten erzählt sie immer noch nichts. Es hat ihr auch keiner die richtigen Fragen gestellt, sagt Anna heute. Irgendwann aber erzählt sie einer Ärztin, dass die Stimmen gerade besonders wüten. „Ist heute etwas passiert?“, fragt die zurück. Die Frage erstaunt Anna, sie denkt nach, stellt das erste Mal eine Verbindung her: Sie hatte sich geärgert, und die Stimmen reagierten darauf. Eigentlich ganz einfach.

Einige Zeit darauf wird Anna aufmerksam auf Stimmenhörende, die sich gegen das Stigma wehren, psychisch krank zu sein. Organisiert sind sie im Netzwerk Stimmenhören in Berlin-Schöneberg. Anna wird entlassen und geht seitdem regelmäßig dorthin. „Dadurch habe ich die Tür zur Normalität gefunden.“ Anna lernt, mit den Stimmen zu leben, zu verstehen, was sie wann sagen.

Anna hat eine Erklärung für die Stimmen gefunden. Sie reagiert hochsensibel auf vieles, was im Leben geschieht. Die Stimmen sind eine Instanz in ihrem Kopf, die Unbewusstes heraufholt. Man kann sie nicht einfach wegmedizieren. Seitdem Anna das weiß, war sie nie mehr in der Psychiatrie. Obwohl, wissen? Verstehen wie eine Matheformel? Sie ahnt, dass es so ist. Denn das, was fassbar und verstehbar zu sein scheint, wie wir uns die Welt konstruieren, ist nur die Spitze des Eisberges. Das hat Freud gesagt.

Heute reden die Stimmen oft in Rätseln. „Mit Beschimpfungen können die mich nicht mehr beeindrucken.“ Sie braucht manchmal Tage, um sie zu entschlüsseln. Letztes Jahr war Anna in Amerika. In der Wüste hört sie es kichern. „Eine neue Stimme war mir zugeflogen, die ist etwas plapperig und wie ein Teenager, aber sie ist zumindest neutral in dem, was sie sagt.“ Anna steht am Flughafen, Tage später, und wartet auf den Abflug nach Hause. „Nimmst du mich mit?“ Anna sagt ja.

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