Zeitung Heute : Stoiber, nicht Merkel: Kennzeichen M

Robert Birnbaum /Peter Siebenmorgen

Manchmal sind es die ganz kleinen Zeichen, die Großes ankündigen. Ein schwarzer BMW biegt in die hufeisenförmige Auffahrt des Parkhotels Herrenkrug in Magdeburg ein, beschleunigt auf dem eisigen Pflaster, fegt fast ein paar Kameraleute beiseite. Die Tür fliegt auf. Angela Merkel springt aus dem Fonds und drängt durch den Pulk. Der BMW bleibt einsam stehen. Man kann sein Kennzeichen jetzt deutlich lesen. Es beginnt mit M. M wie München. Die Entscheidung ist gefallen.

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Das mit dem Kennzeichen ist Zufall. Das, was dahinter steht, ist kein Zufall, sondern das Ende eines Prozesses, der mit unerbittlicher Logik auf eben dieses Ende zugetrieben ist. Die meisten von denen, die sich hier am Freitag zur CDU-Vorstandsklausur in Magdeburg versammeln, haben Angela Merkel gesagt, dass es so kommen würde, kommen müsste. Fast alle haben das intern getan, die meisten, als ihnen das nicht ausreichend erschien, auch öffentlich. Fast bis zuletzt hat die CDU-Chefin einen kleinen Rest von Glauben aufrecht erhalten, dass es doch nicht so kommen würde. Dann jedoch sucht Angela Merkel die Entscheidung. Am Freitagvormittag sucht sie Edmund Stoiber in dessen Haus in Wolfratshausen auf. So kam es denn doch zum lange erwarteten Vier-Augen-Gespräch mit dem bayerischen Konkurrenten.

Und der Direktor der Klein Wanzlebener Zuckerfabrik unweit von Magdeburg wartet am frühen Vormittag vergebens darauf, dass die künftige Kanzlerkandidatin der Union seiner Fabrik einen Besuch abstattet. Erstens, weil Angela Merkel eben Gesprächsbedarf in Bayern hat. Und zweitens, weil sie zu diesem Zeitpunkt schon keine Kanzlerkandidatin mehr ist.

Vor diesem Hintergrund erscheint vieles beim Aufmarsch der Damen und Herren der CDU-Spitze vorbei an Kameras und Mikrofonen in ganz anderem Licht, als man es gemeinhin deuten würde. Zum Beispiel, dass alle - bekannte Stoiber-Freunde ebenso wie die letzten mutmaßlichen Merkel-Anhänger - im Brustton der Überzeugung betonen, sie würden sich in jedem Falle für die Einhaltung des Verfahrens zur Kandidatenkür einsetzen. "Es bleibt beim vereinbarten Verfahren, das kann ich Ihnen auf jeden Fall versichern", sagt zum Beispiel Fraktionschef Friedrich Merz. "Gesprächsoffen, ergebnisoffen sollen beide miteinander sprechen", sagt Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel. "In Bälde", sagt sein Kollege aus Stuttgart, Erwin Teufel, werde man Klarheit haben. "In den nächsten 100 Stunden", ergänzt der Hesse Roland Koch.

Ein Präsidiumsmitglied, das auf der Fahrt nach Magdeburg von den Ereignissen des Morgens noch keine Ahnung hat, ist fest entschlossen: Wenn es kein unmissverständliches Signal von Angela Merkel geben sollte, dass sie Edmund Stoiber den Vortritt lässt, will er die Entscheidung erzwingen.

Ein anderer Präsidiumskollege erhält auf dem Weg zur Klausur die neuesten Zahlen des Polit-Barometers: Stoiber hat demnach fast zu Kanzler Gerhard Schröder aufgeschlossen, Merkel hingegen ist weit abgeschlagen; 61 Prozent der Unionsanhänger wollen den Bayern als Kanzlerkandidaten, nur 24 Prozent sind für Merkel: "Das sind doch eindeutige Zahlen, die die Dame endlich einmal zur Kenntnis nehmen muss. Sonst helfen wir ihr."

Zwei in Magdeburg gehen einen Schritt weiter. "Ich gehe davon aus, dass heute die richtigen Signale gegeben werden, auch an die CSU", sagt Rudolf Seiters, Vizepräsident des Bundestags. Die Zweite ist Angela Merkel selbst. Es ist ein Versehen, ein Sprachholperer: "Alles wird so abgelaufen, wie es abgesprochen war." Abgelaufen. Die Vergangenheitsform. Gleich wird sie es im Präsidium verkünden, wenig später dem Vorstand, dann der Öffentlichkeit. Es ist der letzte Rest von Souveränität, den sie noch wahren kann: Dass am Ende das Verfahren doch noch schlecht und recht aufrecht erhalten wird. Dass die Vorsitzenden von CDU und CSU sich darauf verständigen, mit welchem Kandidaten die Union gegen Gerhard Schröder zu Felde zieht. Nur aus einer gemeinsamen Verkündigung wird nun nichts. Es ist die Verliererin, die den Sieger vorschlägt.

Das Ende, es war seit Tagen absehbar. Dass es derart dramatisch verlaufen ist, hat sich Angela Merkel zu großen Teilen selber zuzuschreiben. Angefangen hat es spätestens vor einer Woche mit jenem Interview in der "Welt am Sonntag", in dem Merkel zum ersten Mal offen ihren Anspruch anmeldete. "Damit hat sie das Verfahren selbst aufgekündigt", sagt einer aus der CDU-Führung. Es war das Signal für alle, die auf den Kandidaten Stoiber setzten, dass jetzt der offene Zweikampf drohte. Und so haben sie systematisch angefangen, Mauern zu errichten um die Parteivorsitzende. Mauern aus öffentlichen Stellungnahmen vor allem. "Wo sind denn ihre Bataillone?", hat schon Anfang der Woche während der CSU-Landesgruppenklausur im Wildbad Kreuth einer kopfschüttelnd gefragt. Es gab sie nicht, nur kleine Kompanien, auch die bald schwankend. Zugleich hat die CSU ihren Favoriten immer deutlicher ins Rennen geschoben und so die zweite Mauer errichtet. Noch am Dienstag hat einer der Stoiber-Fans aus der CDU-Spitze beim CSU-Landesgruppenchef Michael Glos in Kreuth angerufen und ihm nahegelegt, er möge ein Angriffssignal senden. Glos tat es auch ungebeten: Die CSU bitte die Schwesterpartei um Unterstützung für ihr Angebot, für Edmund Stoiber.

Bis zuletzt hatte Angela Merkel mit sich gerungen. Noch am Vortag war sie sich nicht im Letzten sicher - noch einmal legten sich die wenigen ihr verbliebenen Fürsprecher mit Plädoyers für die CDU-Vorsitzende ins Zeug. Am Abend dann in Düsseldorf ein erstes nachdenkliches Gespräch über den unvermeidlich gewordenen Rückzug mit Jürgen Rüttgers, einem ihrer Stellvertreter und gleichzeitig Chef des größten CDU-Landesverbands Nordrhein-Westfalen. Zuletzt dreht sich die Überlegung nur noch darum, wie man den eigenen Verzicht so kommunizieren kann, dass er nicht nach einem Zu-Kreuze-Kriechen vor der bayerischen Schwesterpartei aussieht. Als Kanzlerkandidatin wollte sie darauf aus sein, Gerhard Schröder auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Nun aber, beim Rückzug von den eigenen Ambitionen, kommt es ihr nur noch darauf an, auf gleicher Augenhöhe mit der CSU zu sein.

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