Zeitung Heute : Stolz wie ein Spaniel

CHRISTIAN SCHRÖDER

Michael Rutschky, Essayist Mitten im Gelehrtenzimmer, zwischen Bücherwand und Schreibtisch, liegt der Gelehrtenhund.Er hat es sich auf dem Rücken bequem gemacht, zeigt seine flauschig-loêkige Unterseite und schnauft zufrieden."Kupfer gehört zu den ganz wenigen Hunden, die auch erwachsen noch die Welpenstellung des Auf-dem-Rücken-Schlafens beibehalten", erklärt sein Besitzer mit gewissem Stolz."Kupfer", muß man wissen, ist der Cockerspaniel von Michael Rutschky und als solcher ein Gegenstand kulturkritischer Betrachtungen.Aufmerksame Leser des Tagesspiegel-Feuilletons kennen den Spaniel bereits aus verschiedenen Beiträgen, in denen Rutschky beispielsweise über das in Berlin libidinös besetzte Thema Hundekot nachgedacht und daraus eine Phänomenologie des Schmutzes als "Zentralkategorie unserer Kultur" entwickelt hat.Auch im Fernsehen taucht Kupfer inzwischen auf, in Videoclips des WDR-Programms, mit denen Rutschky etwa eine Verbindungslinie zwischen tierischen Revierkämpfen und menschlichen Bürgerkriegen zu ziehen versucht.Forschungen eines Hundehalters. Das intellektuelle Gassigehen betreibt Rutschky hauptberuflich.In seinen Essays, die er für Zeitungen und Zeitschriften, Radiosender und TV-Anstalten fertigt, schlägt er sich querfeldein über das Gelände von Hoch- wie Trivialkultur und läßt dabei den Geist von der Leine.Er schreibt über die Rückkehr der Naturphilosophie und die Rhetorik von Politikern, aber auch über Schlaflosigkeit, Badehosen und Grußrituale.Kaum ein Thema, an dem sich nicht eine Rutschkysche Alltags-Anthropologie aufhängen ließe.Der Kulturpessimismus: die aufseufzende Basisideologie jeder Mittelschicht.Die DDR: entsteht in Form der Ostalgie eigentlich jetzt erst.Nicht umsonst heißt sein neuestes Buch, eine Sammlung von Radio-Feuilletons, "Die Meinungsfreude".Mit seinen im Plauderton vorgetragenen, ironisch schillernden Kabinettstückchen hat sich Rutschky längst eine Fangemeinde erschrieben, die jeder Veröffentlichung - so einer seiner Lieblingsbegriffe - "entgegenjiepert".Nun erhält er für sein essayistisches Treiben die höheren Weihen: den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste. Essayistik versteht Rutschky als Spiel mit den Gattungen.Seine Texte mischen Belletristik und Wissenschaft; ein langer, ruhiger Erzählfluß, in den sorgfältig "Prunkzitate" von Heidegger bis Kafka eingearbeitet sind."Ich benutze Romanmaterial", sagt Rutschky, "schreibe aber keinen Roman".Manche seiner Schilderungen von Orten, Menschen, Stimmungen lesen sich tatsächlich wie Prosa-Miniaturen.Und bei den in seinen Erzählungen immer wieder auftauchenden Figuren - "Jutta", "Achim, der Redakteur" oder "K." (womit Gattin Katharina gemeint sein dürfte) - ist es eigentlich egal, ob es sich um real existierende oder fiktive Personen handelt.An Georg Simmel und Franz Hessel möchte der Feuilleton-Schriftsteller anknüpfen, Siegfried Kracauer ist sein "persönlicher Heiliger".Lange schon hat Rutschky das traditionelle Feld der Essayistik - die Literatur- und Kunstkritik - hinter sich gelassen.Statt dessen beschäftigt er sich mit dem scheinbar Banalen, Zweitrangigen, Unwichtigen."Professor Freud hat sich ja auch jedes Wort dieser verzweifelten Damen auf seiner Couch angehört und dann gesagt: Aha, interessant, erzählen Sie weiter." Über Freud und eine Psychoanalyse der Literatur hat Rutschky 1977 promoviert, nach einem ausgedehnten Studium von (unter anderem) Soziologie, Philosophie und Germanistik, inklusive SDS-Mitgliedschaft."In den siebziger Jahren mußte man sich ja zwischen Marx und Freud entscheiden, ich gehörte eindeutig zur Freud-Fraktion." Vor 53 Jahren in Berlin geboren, aufgewachsen im Nordhessischen, lebt Rutschky seit 1968 wieder in Berlin, mit einer längeren Unterbrechung.Anfang der achtziger Jahre war er in München Redakteur des "Merkur" und von Enzensbergers Intelligenz-Illustrierter "Transatlantik", seitdem schlägt er sich als freier Publizist durch.Schon sein erstes Buch "Erfahrungshunger", ein Langessay über das Lebensgefühl der siebziger Jahre, verschaffte ihm 1980 einen Achtungserfolg.Ein knappes Dutzend weiterer Bände hat er mittlerweilen folgen lassen.Neben seiner Schreiberei ist Rutschky, Enkel des berühmten Lichtbildners Max Missmann, auch noch Fotograf, wovon zwei Bücher mit volkskundlichen Schnappschüssen zeugen.Verbindet ihn irgend etwas mit Heinrich Mann? "Ich war jahrelang überzeugt, daß Heinrich Mann viel besser sei als Thomas.Inzwischen weiß ich die Qualitäten von Thomas Mann stärker zu schätzen.Wobei die fanmäßige Verehrung von Autoren im Alter ja ohnehin nachläßt." Cockerspaniel Kupfer, auch schon sieben Jahre alt, wedelt an dieser Stelle zustimmend mit dem Stummelschwanz.CHRISTIAN SCHRÖDERDie Verleihung des Heinrich-Mann-Preises findet am Sonntag, 20 Uhr, in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, statt.Der Eintritt ist frei

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