Zeitung Heute : Stopfdeckenkunst

Warum Italiener und Franzosen schlafen wie in der Zwangsjacke

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Eine Wolldecke zwischen zwei Laken und das Ganze so festgestopft im Bettrahmen, dass man reißen muss, um es herauszukriegen – so fangen Nächte in französischen oder italienischen Hotels öfter an. Wer nicht reißen will, muss schlafen wie im Sarg. Wer hat sich so was bloß ausgedacht? Vorab: Es gibt keine klare Antwort. Es gibt bloß eine PatchworkAntwort. Heißt: Man muss sich annähern. Denn nicht einmal Fachleute wissen alles darüber.

„Hat sicherlich mit Temperaturen zu tun“, meint zum Beispiel Dieter Reichel, Chef der Berliner Hotelfachschule. „Dieses Deckenkonstrukt kommt ja aus dem mediterranen Bereich, dort ist es wärmer, also reicht eine Wolldecke mit Laken.“ Warum allerdings auch Briten so ihre Betten bauen, lässt sich damit nicht erklären.

Steffi Girbig, stellvertretende leitende Hausdame im Adlon hat drei Jahre in England gearbeitet – aber dort schiebt man die Schuld auf andere Nationen: „French bed“ oder „italian bed“ wird das Deckenlager dort genannt. Meistens gehöre noch ein so genanntes „top sheet“ aus Seide obendrauf, mit Mustern vorzugsweise, um den kratzigen Shabby-Look abzumildern (und ja: Dies ist keine Tagesdecke, auch damit darf man sich zudecken!).

Girbig vermutet, dass es viel mit dem Aussehen zu tun habe, wenn schlussendlich alle Schichten in den Rahmen gestopft werden. Sonst müsse man „sehr kunstvoll arbeiten, bis Laken und Decken straff liegen und vor allem: auf jeder Seite des Bettes exakt gleich lang herunterfallen“. Allerdings, sagen die Experten, egalisiere sich der europäische Bettenbau so allmählich. Die Stopfdeckenkunst sterbe aus, Federbetten werden Europa-Norm. Für einmal: Globalisierung hurra.

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