Zeitung Heute : Stopftechnik an Naturhorn

BORIS KEHRMANN

Historisch geblasen: Waldhornmusik in der Potsdamer OrangerieDas moderne Horn ermöglicht mittels des 1818 patentierten und seither ständig verbesserten Ventilmechanismus das saubere Spiel ebenmäßiger Tonleitern.Um aus dem Waldhorn damit ein melodiefähiges Konzertinstrument zu machen, entwickelte man im 18.Jahrhundert eine komplizierte Spieltechnik: der Spieler führte die rechte Faust in den Trichter ein und dunkelte die Naturtöne durch Verschließen der Schallröhre ab.Diese "Stopftechnik", die selbst Mozart zu spöttischen Kommentaren veranlaßte, gehört noch immer zu den Herausforderungen der Historischen Aufführungspraxis. Umso bewundernswerter war, wie sauber und sicher der englische Naturhorn-Spezialist Roger Montgomery Läufe, Triller und Doppelschläge beim Potsdamer Festspiel-Konzert im Raffaelsaal der Orangerie von Sanssouci blies.Daß die Horn-Literatur des 18.Jahrhunderts von Mozart bis zum frühen Beethoven eher der liebenswürdig harmlosen Welt der U-, als der E-Musik zuneigt, liegt nicht nur im zeitgenössischen Verständnis des "unaussprechlich süßen, herzbewegenden" Naturlautes des Waldhorns begründet, sondern auch in den spieltechnischen Nachteilen agileren Instrumenten wie der Violine gegenüber.Die Streicher des Revolutionary Drawing Room Ensembles aus London nahmen im Ensemblespiel denn auch alle gebotene Rücksicht auf ihren Kollegen und hielten sich vorsichtig im Hintergrund.Wie buchstäblich unerhört sauber Montgomery auch Mozarts Horn-Quintett KV 407 und Michael Haydns ursprünglich fälschlich seinem älteren und berühmteren Bruder Joseph zugeschriebenes Horn-Konzert in D-Dur blies - aus der ungleichen Lautstärke und Klangfarbe der "gestopften" und der offenen Naturtöne scheint doch erst Beethoven in seinem Sextett für zwei Hörner und Streichquartett opus 81b ästhetische Konsequenzen bei der Themenbildung gezogen zu haben.Ob und wie die Hornisten der Mozart-Zeit die Anforderung an vollkommene Ebenmäßigkeit aller Töne erfüllten, blieb aber auch bei diesem Konzert im Raffaelsaal ein Rätsel.BORIS KEHRMANN

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