Zeitung Heute : Stottern statt starten

Verloren steht er auf der Bühne. Soll das der Jörg Haider sein, der ganze Bierzelte in Rage redete, der erst Kärnten eroberte und dann das ganze Land? Inzwischen laufen seiner FPÖ die Wähler davon. Jetzt will er den Trend wenden, jetzt soll alles wieder werden wie einst. Aber der Held ist müde.

Markus Huber[Klagenfurt]

Von Markus Huber,

Klagenfurt

Wenn der jugendliche Liebhaber nicht mehr geht, der vorwitzig Schlagfertige zu lange für seine Pointen braucht und die Action-Szenen eher Assoziationen an Arthrose wecken, dann beginnt die Zeit, in der sich selbst Hollywoodstars neu erfinden – oder verschwinden. Bei Bruce Willis war das so, bei Sean Connery, John Travolta, Eddie Murphy, Arnold Schwarzenegger, sogar bei Sylvester „Rambo“ Stallone.

Und wie ist das bei Politikern?

Jörg Haider ist alt geworden, so viel steht fest. 54 Jahre wird Kärntens Landeshauptmann, wie man in Österreich Ministerpräsidenten nennt, in wenigen Wochen, und im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen Haider immer als Mann ohne Geburtsdatum auftrat, sieht man ihm sein Alter plötzlich an. Er hat Tränensäcke unter den Augen, das Gesicht wirkt eingefallen, die Haare werden weniger, er trägt ein altes Cordsakko auf, und sogar die Frisur sitzt plötzlich nicht mehr so richtig. Haben sich da knapp über dem linken Ohr nicht sogar ein paar graue Strähnen eingeschlichen?

Eine Serie von Niederlagen

Es ist Sonntag, kurz vor 13 Uhr, und Jörg Haider, der ehemalige Chef der österreichischen Rechtspopulisten von der FPÖ, sieht so aus, als hätte er schlecht geschlafen. Schlechtes Timing, könnte man sagen, denn Haider steht am Rednerpult in der Wörthersee-Halle in Klagenfurt, wo er den Startschuss für die Kärntner Landtagswahlen geben soll. Für die Partei geht es dabei um viel, für Haider selbst sogar um alles: 1999 hat er in Kärnten gewonnen. Doch seitdem die Partei 2000 in die Wiener Regierung kam, hat sie jede Wahl verloren, zuletzt bei der Nationalratswahl 2002 fast zwei Drittel ihrer Wähler eingebüßt. Geht nun auch Kärnten daneben, dann könnte das das Ende der Partei sein.

Haider weiß um diese Ausgangslage, und immer wieder spricht er in den vergangenen Tagen die „Trendwende“ an. „Am Kärntner Wesen soll die Partei genesen“, heißt das in der Sprache der Freiheitlichen, und Haider hat dafür sogar Opfer gebracht, sich mit seinem ehemaligen PR-Berater versöhnt, der ihn in den 80er und 90er Jahren zu seinen Siegen gecoacht hat. Im Kärntner Wahlkampf arbeitet für die FPÖ mit wenigen Ausnahmen jenes Team, das die Partei im Jahre 1986 übernommen hat, und in der Wörthersee-Halle sieht man an diesem Sonntag ihre Handschrift. Alles ist wie früher erbarmungslos überinszeniert. „Pole-Position für Kärnten“ haben sie die Veranstaltung genannt, deswegen stehen vor der Halle vier echte Formel-1-Boliden, als Showeinlage imitiert ein Parodist ein Interview mit den Formel-1-Größen Gerhard Berger und Niki Lauda, als Haider den Saal betritt, werden Motorengeräusche eingespielt, in einer Nebenhalle gibt es einen Formel-1-Simulator, auf der Bühne stehen sechs stilisierte Ölfässer, und sogar eine Boxenstraße gibt es. Dort werden Brötchen verkauft und, noch wesentlicher, der Alkohol ausgeschenkt. Wer beim Bieranstich um neun Uhr morgens in der Poleposition stand, lässt sich leider nicht mehr sagen. Aber es sind viele, die sich für das Warm-up qualifiziert haben: 2000 Menschen passen in die Halle, und sie ist bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Sogar die gesamte Parteispitze vom Vizekanzler bis zur Generalsekretärin ist aus dem fernen Wien angereist, um Haider zu sehen, bereit, ihrem heimlichen Chef zuzujubeln.

Alles ist wie früher. Bis auf einen: Jörg Haider selbst.

Fast wirkt er verloren, wie er da auf der Bühne steht. Immer wieder gerät er bei seiner Rede ins Stottern, verhaut die wenigen Kalauer, die ihm sein Redenschreiber eingebaut hat, und manchmal hört er einfach mitten im Satz zu reden auf, weil er auf den Applaus aus dem Publikum wartet, der immer die entscheidenden Sekundenbruchteile zu spät einsetzt. Immer wieder nestelt Haider, der früher ganze Bierzelte in Rage und Furor redete, an seinem Manuskript herum, hin und wieder verliert er die Zeile, und dann greift er zur Brille. Für oder gegen die Weitsichtigkeit?

Denn gerade jetzt, vor der für ihn möglicherweise entscheidenden Wahl, scheint es so, als hätte Jörg Haider eine neue Rolle gefunden. Der Haider des Jahres 2004 ist nicht mehr der kraftstrotzende Oppositionelle, der Ausländer wie Regierung gleichermaßen beschimpft, der im Porsche durch die Lande kurvt und sich von seinem PR-Berater mit einem Bungee-Seil von der Brücke werfen lässt, als Zeichen seiner immer währenden Virilität. Er ist ruhiger geworden, zurückhaltender, und wenn er mit seiner Weitsichtigkeitsbrille durch den Raum winkt, dann will er damit wohl andeuten, dass er jetzt, mit fast 54, zum Staatsmann geworden ist.

Schnell leert sich der Saal

Schon klar: Seinen ersten Wahlkampf von einer Regierungsbank aus kann Haider nicht mit wüsten Beschimpfungen über die Misere im Land führen, weil dann vielleicht jemand die Frage stellen würde, ob er nicht ein klein wenig Mitschuld an dieser Misere trägt. Aber so zahm? Fast endlos lobt er die Erfolge seiner Landesregierung und thematisiert dabei mangels größerer Brocken den Neubau einer Kärntner Bundesstraßen-Brücke, sein Programm für mehr Schulsport und die Tatsache, dass es in Musikschulen 5000 zusätzliche Schüler gibt. Falls er wieder gewählt wird, kündigt er eine engere Kooperation mit den kleinen Landgemeinden an und verspricht, ihnen „bei der Salzstreuung im Winter“ zu helfen.

Sexy ist das nicht gerade, und das sieht wohl auch das Publikum so. Ungewöhnlich früh leert sich der Saal, ungewöhnlich zurückhaltend ist der Applaus. Sie wollten eine Trendwende sehen, einen schlagkräftigen Haider, der wie ein Karnevalsredner die Zoten aus dem Ärmel schüttelt, doch der wird heute nicht gegeben.

In seiner 100-minütigen Rede schimpft er gerade zweimal auf den Oppositionschef Alfred Gusenbauer, und über Kanzler Wolfgang Schüssel von der bürgerlichen ÖVP, den er noch im vergangenen Sommer als größtes Übel des Landes bezeichnete, verliert Haider kein Wort. „So gut ist Schüssel schon lange bei keinem FPÖ-Parteitag mehr weggekommen“, stellte der liberale Wiener „Standard“ verblüfft fest. Ausgerechnet Haider, der bisher immer über Leichen ging und weder Freunde noch Feinde kannte, wenn es um eine Pointe ging, sagt nun plötzlich: „Wir müssen ja auch noch nach dem Wahltag miteinander reden können.“ Und deshalb gibt es am Sonntag in Klagenfurt auch keinen „Wahlkampf“, sondern nur eine „Wahlbewegung“, und keine „Gegner“, sondern rührige „Mitbewerber“. So klingt das, wenn einer wie Haider „sachlich diskutieren“ und „ohne Untergriffe arbeiten“ will.

Aber sind so Wahlen zu gewinnen? Zurzeit sieht es nicht so aus. Auch wenn Haiders Berater bemüht wie anno dazumal einen Power-Wahlkampf inszenieren und ihn als „Pole-Position-Politiker“ verkaufen wollen, die Wirklichkeit sieht anders aus: Zwei Monate vor der Wahl ist Haider in den Umfragen längst nicht mehr die Nummer eins, je nach Institut liegt er bis zu zehn Prozentpunkte hinter seinem roten Herausforderer. Das kann man zwar aufholen, aber nur, wenn der Spitzenkandidat nicht ausgelaugt ist. Doch der Mann, der in Klagenfurt um 14 Uhr 30 von der Bühne steigt, wirkt nicht wie einer, der noch durchstarten kann. Und auch das Publikum sieht das offenbar so: Gerade einmal zwei Minuten klatschen die 2000 FPÖ-Sympathisanten in der Wörthersee-Halle, selbst sein wenig charismatischer sozialdemokratischer Gegenspieler bekommt da auf Parteitagen mehr.

Und vielleicht haben auch die FPÖ-Strategen eine leise Vorahnung, dass bald nichts mehr so ist, wie es war, und dass die „Trendwende“ nur ein Aufbäumen gegen den Lauf der Zeit ist. Seit den frühen 90er Jahren wurde bei FPÖ-Veranstaltungen zu Haiders Einzug in die Festhalle immer die Rocker-Hymne „Final Countdown“ gespielt. Diesmal fehlte sie, stattdessen ertönten besagte Motorgeräusche.

Man weiß ja nie, ob es nicht tatsächlich das Finale ist.

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