Zeitung Heute : Strahlender Himmel, strahlende Maiden

RONALD BERG

Propaganda der scheinbar harmlosen Art: Fotografien von Liselotte Purper aus der Nazi-Zeit im Deutschen Historischen MuseumVON RONALD BERGImmer nur Lächeln und immer vergnügt, so stellt sich das Bild der Frau im Dritten Reich dar, ob als Arbeitsmaid oder in der Pause vor der Fabrik, ob bei der Ernte auf dem Feld oder beim Fahnenappell - immer scheint die Sonne, stets herrscht Heimeligkeit.Deutschland war im Bild der nationalsozialistischen Fotojournalistik zu einem ein Land des Lächelns geworden.Das Dilemma der organisierten und damit gleichgeschalteten "Bildberichterstatter" im "Dritten Reich", dem sich solche Bilder verdanken, war ihre scheinbare Schönheit.Je schöner das Bild, je besser die Aufnahme, desto mehr dienten sie der Propaganda des NS-Regimes.Wer sich unpolitisch wähnte und sich einer Ästhetik des Schönen widmete, bediente doch schon längst die Propagandamaschinerie.Das gilt nolens volens auch für Liselotte Purper.Nach dem Krieg wurde sie unter dem Namen Orgel-Köhne zu einer bekannten Pressefotografin. In der Weimarer Republik aufgewachsen, stand ihr Wunsch, Fotografin zu werden, mit zehn Jahren fest.Beim Lette-Verein in Berlin-Schöneberg erhielt sie ihre Ausbildung.Ihr Berufseinstieg fiel bereits in die Zeit nach der Machtübernahme.Stilistisch dem Zeitgeist verpflichtet und technisch perfekt, erschienen 1937 die ersten Fotos in der "Frauenkultur", der Zeitschrift des "Deutschen Frauenwerks" (DFW).Purpers Themen waren: Mutterkreuzträgerinnen, Krankenschwestern, Ärztinnen, Hausfrauen, Handwerkerinnen und Arbeiterinnen. Auch in Purpers Fotoreportagen finden sich die zwei unverzichtbaren Bestandteile der zeittypische Ästhetik: die Überhöhung des Einzelnen als Typus.Der Kamerablick rückt das strahlenden Gesicht der Arbeitsmaid in den ebenso strahlenden Himmel.Und zum zweiten das Ornament der Masse: allgegenwärtig in den Formationen der Marschkolonnen, wie bei den Jugendgruppenführerinnen auf dem Nürnberger Reichsparteitag, die Purper 1938 fotografierte.Den Führer sieht man bei Purper nur von weitem von der Tribüne. Die Fotografie hatte es einfach.Überall prangten Parolen im Straßenbild, überall gab es Fahnen und Uniformen.Die Ideologie war im öffentliche Leben schon präformiert.Die Fotografie brauchte - und mußte - nur noch den Ist-Zustand abbilden.So konnte der Fotograf im NS-Staat mit dem Ethos eines Dokumentaristen beteuern, er zeige die Wirklichkeit, und diese offiziell sichtbare Realität lächelte tatsächlich.Die im Dunkeln aber - Juden, Kranke, Dissidenten - zeigte auch Liselotte Purper nicht.Mit einer Ausnahme: die Blicke über den Zaun in die Ghettos in Lodz und im "Reichsgau Wartheland", bezeichnenderweise heimlich und nicht zur Veröffentlichung bestimmt. In einer Auswahl von rund 150 Schwarzweißaufnahmen aus Liselotte Purpers Archiv entsteht so in der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums ein fast lückenloses Bild der öffentlichen Rolle der Frau im Dritten Reich.Deren Idealbild waren die barfüßigen Führerinnen bei Volkstanz und Leibeserziehung in frischer Luft.Das alte Bild der Frau als bedrohlich lasziver Verführerin war passé: "Sie meinen: Apart und lustig", hieß es in der Zeitschrift der "NS-Frauenwarte" zu einem Bild von koketten Revuegirls: "Wir meinen: Gesund und schön!" Was die "NS-Frauenwarte" damit meinte, wurde in den verschiedenen NS-Frauenorganisationen versucht, in die Wirklichkeit zu übertragen.Der "Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend" unterschied sich dabei nur wenig von militärisch Gepräge der Männer.Purpers Reportage zeigt die Vereinnahmung der Arbeitsmaiden im RAD: Ankunft, Einkleidung, Fahnenappell, Ernteeinsatz, Kinderbetreuung, Werken, Heimabend in trauter Runde vor dem Kamin. Schließlich mußte die Frau doch ihren Mann stehen, im Krieg, an der Heimatfront, an der Werkbank ebenso wie als Straßenbahnschaffnerin und im Luftschutz mit Stahlhelm auf dem Kopf.Auch auf die zuvor verpönten Wissenschaftlerinnen wurde nun zurückgegriffen.Im "Dienst für Deutschland" durften sie aus ihrer angeblich naturgegebenen Rolle als Mutter fallen. Was Purpers Fotografien von diesem verordneten Alltag zeigen, rückte die dirigierte NS-Frauenpresse mit markigen Worten in den rechten Kontext.Für die Stilisierung des Mannes zum Kriegshelden aber griff die "NS-Frauenwarte" lieber auf die Zeichnung zurück.Offenbar waren der Manipulation der Wirklichkeit mittels Fotografie natürliche Grenzen gesetzt.Deutsches Historisches Museum, Kleine Galerie, Unter den Linden 2, bis 14.September; Donnerstag bis Dienstag 10 bis 18 Uhr.Magazinheft 12 DM.

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