Zeitung Heute : Straße der Zwietracht

Warum vier Leipziger ein jüdisches Gemeindehaus verhindern wollen – und 1071 es unbedingt haben wollen

Michael Kraske[Leipzig]

Könnten die Wände sprechen, sie würden eine traurige Geschichte erzählen. Vom Haus im noblen Leipziger Waldstraßenviertel, in dem die jüdische Familie Ariowitsch 1931 ein jüdisches Altenheim einrichtete. Das die Nazis in ein so genanntes „Judenhaus“ umwandelten, in das sie von ihnen beraubte Juden sperrten, um sie von hier aus ins KZ nach Theresienstadt zu schicken. Später folterte die Gestapo im Keller. In der DDR war das Haus ein Altenheim, seit einigen Jahren steht es leer. Es könnte wieder leben. Jüdische Feste könnten gefeiert werden. Es könnte nach koscherem Essen riechen. Doch die Geschichte des Hauses geht anders weiter. Die neuen Kapitel handeln von Angst und Egoismus. Und von der Frage, was denn eigentlich Antisemitismus ist.

Die Jüdische Gemeinde in Leipzig möchte ihr Haus renovieren. Ein Festsaal für 300 Menschen soll angebaut werden. Im Wendejahr 1989 hatte die einst stolze Gemeinde der Stadt noch 38 Mitglieder, jetzt sind es wieder über 1000. Das alte Gemeindezentrum ist zu klein. Wenn gefeiert wird, haben 50 Mitglieder Platz. Die anderen werden wieder nach Hause geschickt. Die Stadt hat die Baugenehmigung erteilt. Aber es wird nicht gebaut. Denn vier Anwohner klagen vor dem Verwaltungsgericht dagegen. In den Klageschriften fürchten sie um eine Veränderung des Grundwasserspiegels, um Verkehrslärm, um Terroranschläge, um die Wertminderung ihres Eigentums und den Verlust einer Platane.

Pfarrer Christian Wolff kommt aus der Thomaskirche, wo er Konfirmanden unterrichtet hat. Er hat einen Gemeindebrief geschrieben, in dem er die Kläger in der „trüben Tradition des Antisemitismus“ einordnet. Er hat der Stadt einen Streit über Antisemitismus beschert. Wolff ist ein besonnener Mann, kein Eiferer. Er sagt mit ruhiger Stimme, dass es ein typisches antisemitisches Muster sei, Juden als Sicherheitsrisiko zu bezeichnen, ihre Anwesenheit als wertmindernd für eine Immobilie anzusehen. Wolff interpretiert nicht viel. Er zählt nur eins und eins zusammen. Er hat sich als Erster getraut, den Vorwurf auszusprechen.

Das ist der Kern des Streits: Drücken die Klagen legitime persönliche Interessen aus? Kann man Angst haben vor Juden, Angst um seinen Besitz und seine Ruhe, ohne antisemitisch zu sein? Oder ist es Antisemitismus, wenn man verhindern will, dass Juden ihre Religion in der Nachbarschaft ausüben? Um Antisemitismus zu messen, fragen wissenschaftliche Studien seit Jahren nach, wer Vorbehalte gegen Juden als Nachbarn hat.

Die Stadt, die wegen der erteilten Baugenehmigung die Beklagte ist, hat das Gespräch mit den Klägern gesucht. Der oberste Bauplaner Leipzigs, Engelbert Lütke Daldrup, sagt: „In dem Gespräch habe ich den Eindruck gewonnen, dass hinter an den Haaren herbeigezogenen baurechtlichen Gründen vor allem Ängste im Sicherheitsbereich eine Rolle spielen.“ Die Stadt hat es versäumt, für das Waldstraßenviertel einen Bebauungsplan festzuschreiben. Das hätte die Klagemöglichkeiten eingeschränkt. So aber üben sich die Politiker derzeit vor allem in Rhetorik. „Ich persönlich engagiere mich im Kuratorium stark für das Projekt“, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, „die Stadt Leipzig steht zu ihrer Pflicht und Verantwortung, dieses Projekt im Rahmen des ihr Möglichen zu unterstützen.“ Mehr kann er nicht tun.

Eine kleine Gesellschaft hat sich morgens im Festraum der jüdischen Gemeinde eingefunden. Anwohner aus dem Waldstraßenviertel haben Unterschriften für das Begegnungszentrum gesammelt. Eine Frau mit einem Schal um den Hals sagt, dass sie sich auf das Zentrum freut, dass sie jüdische Kultur kennen lernen möchte. Dann übergibt sie Rolf Isaacsohn, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, ein aus Holz geschnittenes „Ja“, auf dem eine Zahl aufgemalt ist, die Zahl der Unterstützer. 1071. 1071 gegen vier. Das ist eine eindrucksvolle Geste, auch wenn die vier die Klagen haben und die 1071 nur das Holz-Ja. Rolf Isaacsohn lächelt. Als er dann spricht, lächelt er nicht mehr. „Das sind Hemmnisse, die hätten wir uns vor drei Jahren nicht träumen lassen.“

Einer der Kläger habe in einem Anruf bei der jüdischen Gemeinde gesagt: „Ihr seid in dieser Straße nicht willkommen.“ Wenn das stimmt, dann hat er das über eine Straße gesagt, die nach einem in Auschwitz ermordeten Juden benannt ist, über Häuser, aus denen Juden vertrieben wurden, bevor man sie deportiert hat. Über ein Viertel, dessen Gründerzeit-Schönheit maßgeblich von Juden aufgebaut und lange mit jüdischem Leben erfüllt wurde. Man kann die Kläger nicht fragen, ob das stimmt. Sie lassen nicht mit sich reden.

Vor der Lessingschule im Waldstraßenviertel steht ein Polizist breitbeinig im abendlichen Regen. Der Verein Waldstraßenviertel hat zu einer Veranstaltung eingeladen mit dem Titel: „Das neue Gemeindezentrum – Anlass zur Sorge oder neue Chance.“ Einige hundert Menschen sind in die Aula gekommen: Anwohner, junge Linke mit Transparenten, Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche, SPD und CDU. Der Architekt erläutert das Bauvorhaben. Er sagt: „Der Saal duckt sich nach unten“ und „die neue Bebauung tritt kaum in Erscheinung.“ Rolf Isaacsohn verspricht, dass es keinen Verkehrslärm geben wird, weil die meisten Gemeindemitglieder gar keine Autos haben, und dass nur einmal im Jahr ein großes Fest mit einem Gottesdienst stattfinden würde. Es hört sich an, als wolle er sich mit seiner Gemeinde wegducken wie der neue Saal.

Eine Frau in einer grauen Strickjacke meldet sich: „Ich habe schmerzlich angehört, wie Sie versprochen haben: Es wird nur einmal gekocht, nur einmal Gottesdienst gefeiert. Ich möchte, dass Sie das nicht mehr tun. Sie können 30 Mal Gottesdienst feiern.“ Der Saal jubelt. Ein Mann mit grauem Bart und Ringelpulli steht auf, kerzengerade, als wolle er ein Gedicht vortragen, und sagt: „Ich wohne seit 1941 in dieser Stadt. Ich habe noch nie erlebt, dass sich eine Gemeinde so rechtfertigen muss…“ Der Saal klatscht ihm ins Wort. 300 Leute, eine Meinung. Kein einziger spricht gegen das Begegnungszentrum. Einige wollen Aktionen für den Bau starten, Mahnwachen vor dem Verwaltungsgericht, Demos gegen Antisemitismus. Die Diskussion in der Aula ist eine rührende Demonstration bürgerlicher Haltung. Und ihrer Hilflosigkeit. Ihr guter Wille trifft ins Leere. Die Kläger sind nicht gekommen.

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