Zeitung Heute : Straßennamen lernen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Oft, wenn sie der Weg durch die Friedrichstraße führt, muss die Rentnerin an ihre Großmutter denken, die immerhin schon anno 1866 in Berlin geboren wurde, als die Stadt noch ziemlich klein war und ganz anders aussah, aber doch bereits mehr als 665 000 Einwohner hatte. Damals wurden gerade der Letteverein und die Villenkolonie Westend gegründet und die Synagoge in der Oranienburger Straße eingeweiht.

Die Großmutter der Rentnerin hat Glanz und Untergang des Kaiserreiches erlebt, zwei Weltkriege, die Republik und die Nazizeit und auch noch die ersten Jahre nach 1945 am Prenzlauer Berg. Sie ist sehr alt geworden, jedenfalls für damalige Verhältnisse.

Doch was hat das alles mit der Friedrichstraße zu tun, in der die Großeltern nie gewohnt haben? Von jener Großmutter ist ein Vers überliefert, den sie in der Schule gelernt hat. Neulich fiel der Rentnerin der lange vermisste Zettel, auf dem sie den Vers einst notiert hatte, aus einem Berlin-Buch entgegen. Er handelt von den wichtigsten Seitenstraßen der Friedrichstraße. Falls richtig überliefert, lautet er folgendermaßen:

Von den Linden kamen die Bären (Behrenstraße!). Die sprachen Französisch. Dann kamen die Jäger und schossen auf Tauben. Dann kamen die Mohren. Die trugen Kronen aus Leipzig im krausen Haar. Dann kamen die Schützen. Sie gingen ins Zimmer und jagten den Koch zum Halleschen Tore hinaus.

Auf diese Weise hat man also den Kindern damals Heimatkunde beigebracht. Das heißt, die Bären sind natürlich gemogelt: Die Behrenstraße ist nach dem Ingenieur und Hofbaumeister Johann Heinrich Behr (1647 - 1717) benannt, der die Straße angelegt und auch dort gewohnt hat. Jedenfalls war die Friedrichstraße wohl ähnlich wie heute schon zu Großmutters Kindertagen nur von Unter den Linden bis Kochstraße interessant. Sonst hätten die Schüler einen viel längeren Vers lernen müssen. Die Rentnerin aber hatte dank der Großmutter niemals Orientierungsschwierigkeiten im Straßengitter der Friedrichstadt. Eselsbrücken sind eben nützlich.

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