Strategien fürs Vorstellungsgespräch : „Lampenfieber muss sein“

Etwas Nervosität macht wach, sagt die Kabarettistin und Dozentin Gerlinde Kempendorff-Hoene. Zur Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche rät sie: üben, üben, üben – vor dem Spiegel und überall.

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Gerlinde Kempendorff-Hoene
Gerlinde Kempendorff-HoeneFoto:promo

Frau Kempendorff-Hoene, Sie verdienen ihren Lebensunterhalt unter anderem durch ihren Humor: als Kabarettistin. Aber sie bringen auch Schülern und Studenten in Seminaren bei, wie man ein erstes Vorstellungsgespräch erfolgreich meistert. Darf man denn im Interview witzig sein?

Es gibt einen Unterschied zwischen witzig und humorvoll. Humorvoll sein ist positiv, aber die meisten sind viel zu wenig mit den Facetten des Humors vertraut, als dass sie damit spielen könnten. Das kann man Leuten nicht mal eben so beibringen. Auch Witze erzählen ist eine Kunst – meistens geht's daneben. Interessant ist, ob ein Bewerber die geistigen und sprachlichen Fähigkeiten hat und Pointen setzen kann. Humor ist ja Teil der ästhetischen Bildung. Keine Bildung ohne Humor, aber auch kein Humor ohne Bildung.

Welche Klippen müssen Bewerber noch umschiffen?

Ich beobachte immer wieder große Unsicherheit, wenn junge Männer oder Frauen in den Raum kommen und sich hinsetzen. Sie wissen nicht, wo sie die Arme lassen sollen. Zu den nonverbalen Unsicherheitsfaktoren gehört auch, das Gegenüber nicht mit einem geraden Blick anzusehen. Und junge Frauen sprechen meist viel zu hoch.

Welche Rolle spielen verbale Unsicherheitsfaktoren?

Viele junge Bewerber merken nicht, dass sie in Halbsätzen sprechen oder Aussagesätze oft so formulieren, dass sie eher wie Fragen klingen. So etwas liegt daran, dass Handy-Kurznachrichten und E-Mails die Sprache zunehmend prägen. Oft benutzen sie Umgangssprache, aber die hat im Bewerbungsgespräch nichts zu suchen. Außerdem verwenden viele ständig Füllsel: äh, also, eigentlich, ähm. Das tun sie, damit keine Pause entstehen. Aber Pausen sind ein wichtiges Element eines Gesprächs. Auf der Bühne bereiten Pausen die Pointe vor oder lassen das Gesagte wirken.

Wie ist es mit der Nervosität?

Ich bin heute noch aufgeregt in Bewerbungssituationen. Schließlich geht es ja um etwas! Auch vor Auftritten. Lampenfieber muss sein, denn so wird Adrenalin ausgeschüttet. Das macht wach, das Hirn schaltet auf Alarm und man kann sich auf den Punkt konzentrieren. Kontraproduktiv ist es, wenn die Aufregung in Angst umschlägt. Wenn man etwa denkt: Ich brauche den Job unbedingt, oder wenn man Angst vor Publikum hat. Man muss überzeugt von sich und seinem Können sein – und damit überzeugen. Und nicht das Argument im Kopf haben, dass man ohne den Job seine Miete nicht zahlen kann.

Was kann man nun gegen all die Unsicherheit und die schlechten Angewohnheiten tun?

Es gibt vor allem einen langweiligen Trick: üben. Und zwar vor dem Ganzkörperspiegel oder vor der Kamera: sich entdecken, sich akzeptieren, vermeintliche Schwächen in Stärken umwandeln.

Wie geht das?

Indem man sich erst mal anguckt – vom Hacken bis zum Nacken. Und zwar sich und nicht die Klamotten: Wie stehen die Füße? Wie sind die Hände? Man sollte sie ganz locker an den Seiten hängen lassen, Daumen nach vorn. Viele stehen mit den Handflächen nach vorn da. Das sieht gar nicht souverän aus. Das Wichtigste ist, gerade zu stehen. Die Füße parallel, die Schultern nicht schief. Wie halte ich den Kopf? Auf keinen Fall in einer schiefen Demutsgeste. Man kann das übrigens auch in den Scheiben von Bushaltestellen und Schaufenstern trainieren. Immer wieder. Denn mit der Haltung geht es los.

Und wie geht’s weiter?

Der zweite Schritt ist die Atmung. Achtzig Prozent der Leute atmen falsch, nämlich viel zu flach: in der Angstatmung. Richtig ist eine bewusste und tiefe Brust-Bauch-Atmung. Dadurch wird das Gehirn wacher, weil es mehr Sauerstoff bekommt. Wenn ich vor einer Premiere denke, hoffentlich habe ich gleich kein Loch im Hirn, dann atme ich runter in den Bauch. Man beamt sich runter. So hört das Angstflirren im Kopf auf.

Wie trainiert man seine Körpersprache?

Indem man seinem Spiegelbild etwas erzählt oder vorträgt: Dann fangen nämlich Arme und Beine an zu arbeiten. Und man entdeckt bestimmt etwas, das man noch nicht von sich weiß. Vor allem, wenn man sich einen Stuhl vor den Spiegel stellt und es im Sitzen ausprobiert. Junge Frauen drehen sich oft Hörnchen aus ihren Haarsträhnen oder ziehen sich Pulloverärmel über die Hände. Da hilft zum Beispiel, eine Bluse anzuziehen, an der man nicht ziehen kann. Frauen sollten auch testen, wie sie sich mit einem kurzen Rock hinsetzen. Junge Männer legen gern den Knöchel aufs Knie und verschränken die Arme. Das ist unfassbar arrogant, verschlossen, sexistisch und schlechte Erziehung!

Und die Mimik?

Man sollte mal nachschauen, ob man wirklich lächelt, wenn man glaubt es zu tun. Das macht man nämlich oft aus einer Konzentration heraus nicht. Das kann man überall üben: in der S-Bahn, auf der Straße – bis die Leute zurücklächeln.

Wie ändert man etwas an seiner Sprache?

Es ist eine Form von Höflichkeit, deutlich zu sprechen und am Ende eines Satzes einen Punkt zu setzen. Auch das kann man langfristig üben: Jeden Tag etwas laut vorlesen. Das können noch nicht einmal die meisten Abiturienten mehr gut. Es eigenen sich Märchen, sie sind schön emotional: Emotionen im Ausdruck sind wichtig im Vorstellungsgespräch. Chefs wollen keine Roboter, die monoton vor sich hinleiern.

Und wenn man dann alles kann?

Leider ist das nicht wie Fahrradfahren. Selbst wenn man es einmal kann, muss man es immer wieder üben, sonst verlernt man es wieder. Ich bin jetzt 30 Jahre dabei und probe täglich.

Das Interview führte

Daniela Martens

Gerlinde Kempendorff-Hoene ist Kabarettistin, Sängerin, Moderatorin und Dozentin an der UdK Berlin und der Universität Potsdam

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