Zeitung Heute : Streichquartett statt Liebesduett

FREDERIK HANSSEN

Die Berliner Opernhäuser spielen immer seltener Oper - um Schließtage zu vermeiden, füllen sie ihre Spielpläne mit NebenaktivitätenVON FREDERIK HANSSENEs ist gar nicht lange her, da ließ es sich mit der Berliner Opernlandschaft herrlich angeben: Drei Repertoire-Häuser, an denen sich jeden Abend der Vorhang zu einer anderen Produktion hob.Die Theaterferien abrechnet im Idealfall also rund dreihundert Mal pro Saison; das macht - mal drei - über 900 Musiktheater- und Ballettaufführungen per annum.So etwas muß uns erst einmal jemand nachmachen! Überhaupt, drei staatlich finanzierte Opernhäuser, wo gibt es das schon? London, Petersburg, New York oder Wien können gerade einmal zwei bieten, Paris hat zwar vier, aber die Opéra Comique und das Châtelet spielen nur sporadisch.Bleibt noch Prag mit drei wunderschönen Opernhäusern - die aber allesamt viel kleiner sind als in Berlin.Die hiesige Vielfalt gab allgemein Anlaß zu ungläubigem Staunen, selbst bei Besuchern aus dem vermeintlichen Opernland Italien.Wenn es hoch kommt, hebt sich der Vorhang in allen italienischen Theatern zusammen pro Spielzeit genauso oft wie früher allein in Berlin. Das war, wie gesagt, vor ein paar Jahren.Im März 1992 beispielsweise bot die Deutsche Oper sage und schreibe 27 Aufführungen von 14 verschiedenen Werken an - einschließlich Wagners "Ring".Dann folgte Sparrunde auf Sparrunde - und in den Opernhäusern hob sich der Vorhang der Hauptbühne immer seltener.Schließlich sind 85 Prozent des Etats für Personalausgaben gebunden, also muß man bei der Kunst knapsen.Heimlich, still und leise ging dieser Schrumpfungsprozess bis jetzt vonstatten - ohne, daß sich das Publikum oder die staatlichen Subventionsgeber daran stießen.In der Senatskulturverwaltung ist man sogar über die Frage verwundert, ob den Häusern denn vertraglich eine bestimmte Mindestzahl von Veranstaltungen vorgeschrieben sei: Nein, lautet die Antwort, so etwas gäbe es nicht - ein Erbe der fetten Jahre, als sich Carmen, Aida und Mimi die Klinke der Bühnentür sowieso in die Hand gaben. Das Publikum scheint sich nicht daran zu stören, daß die Reduzierung der Vorstellungen auch in der jetzt beginnenden Spielzeit anhält.Obwohl im März 1998 die Deutsche Oper gerade noch 15 Musiktheaterwerke auf der großen Bühne anbieten wird.Die Staatsoper spielt im selben Zeitraum ebenfalls 15 Mal Oper, in der Komischen Oper gibt es an 16 Abenden Musiktheater.Und dabei ist der März 1998 noch ein guter Monat: Im September 1997 zeigt die Deutsche Oper gar nur zehn Musiktheaterwerke auf der Hauptbühne, die Komische Oper hat im Februar ihren Tiefstand, ebenfalls mit zehn Vorstellungen, und die Staatsoper bietet im gesamten September gerade mal drei "Zauberflöten" an.Insgesamt hebt sich in der Saison 1997/1998 in den drei Häusern zusammen der Vorhang der Hauptbühne 453 Mal für Opernabende.Spitzenreiter ist die Komische Oper mit 192 Vorstellungen, dann folgen die Deutsche Oper mit 135 und die Staatsoper mit 126 Vorstellungen.Hinzu kommen 174 Ballett-Abende: Staatsoper 62, Deutsche Oper 51, Komische Oper 61. Die unterschiedliche Zahl der Opernaufführungen liegt im Profil der Häuser begründet.Als Ensembletheater kann die Komische Oper vor allem mit eigenen Kräften kalkulieren, ist kaum auf (teure) Gäste und deren Terminkalender angewiesen.In der Deutschen Oper scheint man dagegen zur Zeit nicht recht zu wissen, ob man weiter den Repertoire-Betrieb pflegen will oder dem Vorbild der Staatsoper folgen soll, die sich zwar noch nicht offen zur Semi-Stagione bekennt, das Prinzip aber im Alltag bereits praktiziert.Dahinter verbirgt sich eine modifizierte Form der italienischen Tradition, die Produktionen nacheinander in Serie zu spielen, während beim deutschen System bis zu dreißig Produktionen über die Jahre hinweg nebeneinander gezeigt werden.Mit ihrem System, die Werke in ein oder zwei Blöcken innerhalb einer Spielzeit zu zeigen und sie dann für den Rest des Jahres vom Spielplan zu nehmen, orientiert sich die Staatsoper an den Gepflogenheiten des interantionalen Opernbetriebs. Die Reduzierung der Opern-Aufführungen vor allem an der Staatsoper und der Deutschen Oper bedeutet allerdings nicht, daß die Häuser ständig leer stünden.Die Zahl der Schließtage hält sich mit 32 an der Deutschen Oper, 62 an der Komischen Oper und 66 an der Staatsoper noch in Grenzen.Denn die Theater verschleiern den schleichenden Abschied von ihren Kernaufgaben durch eine Vielzahl anderer Veranstaltungen in ihren Räumen."Hauptsache, der Lappen geht abends hoch", sagte man früher in Theaterkreisen.Heute müßte es eher heißen: Hauptsache, ein Teil des Hauses ist abends offen.Darum gibt es - neben Vermietungen - immer mehr Sinfoniekonzerte, Kammermusikabende, Vorträge und Foyer-Produktionen, in der Spielzeit 1997 / 98 insgesamt 71 in der Deutschen Oper, 84 in der Staatsoper und 49 in der Komischen Oper.In manchen Monaten reicht die Zahl der Nebenaktivitäten fast an die der Opernaufführungen heran.Womit nicht gesagt ist, daß die Klein-Veranstaltungen nicht spannend und interessant sein können.Sinfoniekonzerte sind hin und wieder für Opernorchester sogar sehr wichtig, damit die Musiker auch einmal aus dem Dunkel des Grabens auftauchen können.Nur stellt sich die Frage, ob es gleich zwanzig Abende sein müssen, wie in der Staatsoper.Auch die Beschäftigung mit Kammermusik ist für jeden Musiker fraglos von Vorteil.Wenn diese Beschäftigung aber im Rahmen der normalen "Dienste" geleistet und die Ergebnisse vom Haus präsentiert werden, entsteht ein ungleiches Konkurrenzverhältnis zu den freien Kammermusikern, von denen es gerade in Berlin sehr viele gibt und die ihre Konzerte ganz aus eigener Kräften und oft auf volles privates Risiko organisieren müssen.Ähnlich ist es mit den Liederabenden, die die Opernhäuser ausrichten - abgesehen davon, daß es selbst den bekanntesten Interpreten kaum je gelingt, beispielsweise die Deutschen Oper auch nur zur Hälfte zu füllen.Hier werden die privaten Konzertagenturen, die den Interpreten passende, kleinere Säle besorgen könnten, durch ungleiche Wettbewerbsbedingungen verdrängt.Ähnliches gilt für die Foyer-Opern-Produktionen, deren Zahl in dem Maße steigt, wie die der großen Premieren reduziert wird.Angesichts der äußerst vitalen, zahlreichen Off-Opern-Szene der Stadt nicht unbedingt eine Marktlücke.Und mit dem negativen Beigeschmack behaftet, daß hier die Etablierten den Musiktheater-Selbsthilfegruppen sogar noch die offtheatertauglichen Stücke wegschnappen. Die Berliner Theater müßten ihre Aktivitäten auf den "Nebenspielstätten" begrenzen, um sich auf die Hauptaufgaben konzentrieren zu können, fordert Kultursenator Radunski in seinem "Kreisepapier".Opernhäuser sollen also richtige Opern spielen.Dafür bekommen sie ihr Geld.Wenn die Intendanten der Meinung sind, damit ließe sich nicht die Oper machen, die ihnen vorschwebt, müssen sie entweder vom deutschen Repertoiresystem und damit dem allabendlichen Spielbetrieb Abschied nehmen oder sich die Frage stellen, ob die enormen Personalkosten nicht doch sozialverträglich gedämpft werden können.Die Spartaktik "Streichquartett statt Liebesduett" ist in jedem Fall der falsche Weg.

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