Zeitung Heute : Streit schlichten

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Das Familienleben kann die Hölle sein. Vor allem im Spätwinter, wenn alle Spiele gespielt, alle Bücher gelesen und alle Bastelarbeiten erledigt sind. Der Weihnachtsmann ist längst vergessen, der Osterhase noch nicht in Sicht, und das Wetter ist wechselhaft. Was also tut eine Kleinfamilie im März? Sie streitet sich.

Genauer gesagt: Die Kinder streiten sich. Um den neuen Reisetrolley, den Linda kürzlich zum vierten Geburtstag bekommen hat, und mit dem Tom gern Rasenmäher spielt. Um das letzte Stück Sahnetorte aus dem Kühlschrank. Sie zanken, weil nur ein Kind Besuch hat und das andere nicht. Sie kämpfen, weil jeder bestimmen will, welches Video gezeigt wird.

Prima Sache, schreiben die Erziehungsratgeber. Eine gesunde Rivalität schade überhaupt nicht. Im Gegenteil. Sie sporne die Kinder zu produktiven Leistungen an. Das stimmt: Weil Tom doppelt so groß ist wie seine Schwester, stellt er den Schokopudding stets ganz nach oben in den Kühlschrank. Und teilt dann nach Belieben die Portionen zu. Linda hingegen baut wie am Fließband Fernbedienungen, die nur ein Ziel haben: Sie sollen den Bruder fernsteuern. „Du bist jetzt lieb", sagt die Kleine und drückt auf das blaue Feld. „Du gibst mir sofort meinen Koffer wieder", befiehlt sie und drückt auf einen roten Stein. „Du stellst den Schokopudding nach unten", kommandiert sie und drückt gelb. Natürlich vergeblich.

Ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Geschwistern wächst nur, wenn Eltern sich nicht zu stark einmischen, sagen die Pädagogen. Erlaubt sind allerdings Vorschläge zur Deeskalation. Und das heißt im Vorfrühling: Raus aus der Bude und ab ins Indoor-Spielparadies. Davon gibt es einige in Berlin.

Unter anderem ein Riesencenter in Reinickendorf, in dem man sogar Boot fahren kann. Für Eltern von Nichtschwimmern, die in Ruhe ihren Milchkaffee trinken wollen, scheidet „Jacks Fun World" damit aus. Auch das frühere Vorzeigeprojekt, das „Kilala" in Steglitz, können wir uns schenken. Nachdem wir uns vor einigen Wochen durch einen Schneesturm zum Café gekämpft hatten, standen wir vor verschlossenen Türen. Das „Kilala" ist dicht, der Spielturm abgebaut. Noch im Geschäft ist dagegen das „Tokatohei" in Charlottenburg. Das besteht aus einem großen Klettertrakt plus Café. Als wir dort an einem Samstag einkehrten, war das „Tokatohei" allerdings gerammelt voll und brüllend laut. Das hielt die Wirtsleute aber nicht davon ab, die gleichzeitig stattfindende Geburtstagsparty mit Kinderliedern vom Band zu beschallen. Wir ergriffen die Flucht.

Wir gehen dann doch lieber ins „Jolo" nach Kreuzberg. Dort fahren die Kinder Eisenbahn und Elektroauto, klettern gemeinsam den großen Ballonberg hinauf und teilen sich einträchtig Pommes und Chicken Wings. Ein Bild der Harmonie, das den Eintritt allemal wert ist. Vielleicht sollten die Kinder dort dauerhaft einziehen - das wäre dann Deeskalation total.

Jacks Fun World, Miraustraße 38, 13509 Berlin-Reinickendorf, Telefon: 41900242; Tokatohei, Wintersteinstraße 22, 10587 Berlin-Charlottenburg, Tel.: 34540346, Jolos Kinderwelt, Am Tempelhofer Berg 7d, 10965 Berlin-Kreuzberg, Tel.: 61202796

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