Zeitung Heute : Streit um das Erbe der Franzosen

Vor elf Jahren übergaben die Militärs das Centre Bagatelle in kommunale Hände – zur kulturellen Nutzung. Nun droht der Verkauf. Aber degegen regt sich Widerstand

Rainer W. During

Vom weißen Bretterzaun blättert die Farbe ab. Das denkmalgeschützte Centre Bagatelle in Frohnau hat schon bessere Zeiten gesehen. Jahrzehntelang war die schmucke Villa das kulturelle Zentrum der französischen Schutzmacht, die es schon frühzeitig auch für bezirkliche Gruppen öffnete. Als der Bezirk das Haus von den 1994 abrückenden Militärs übernahm, beschworen Kommunalpolitiker noch die frankophile Tradition Reinickendorfs. Doch angesichts leerer Kassen soll das Symbol deutsch-französischer Freundschaft zum Jahresende verkauft werden. Zahlreichen Kulturgruppen droht damit der Verlust ihrer Bleibe.

Das Haus hat Geschichte. Die „Villa Worch“ wurde 1925 nach Plänen der Architekten Poser und Bamm in der Zeltinger Straße 6 für den damaligen Generaldirektor des Deutschen Herold errichtet. In der Nazizeit wurde sie zum Sitz der Frohnauer Ortsgruppe der NSDAP. 1945 zog hier der sowjetische Ortskommandant ein. Nach einer kurzen Gastrolle der Briten übernahm die französische Militärregierung das Gebäude als Offizierskasino. Der Bezirk ließ das Haus nach der Vereinigung mit erheblichem Aufwand behindertengerecht umbauen.

Hermann Effenberger ist der einzige Bewohner des Centre Bagatelle. Jetzt wird der Hausmeister, der auch das Fontane-Haus im Märkischen Viertel betreut, die Wohnung unter dem Dach räumen und sich eine neue Bleibe suchen müssen. „Ich flüchte in die Rente“, sagt der einstige Weltenbummler, der nach der Hochzeit in Las Vegas zurück nach Berlin kam, damit seine Kinder hier geboren werden. Veranstaltungen mit dem französischen Botschafter und anderen Würdenträgern erinnern Effenberger ein wenig an seine Zeit im noblen Fairmont-Hotel in San Francisco, wo er einst Größen wie Ronald Reagan und Martin Luther King bediente.

Bisher nutzte der Bezirk die Villa ganz im Sinne der französischen Vorbesitzer. Die diversen Kulturgruppen schätzen vor allem den großen Saal mit dem Flügel im Erdgeschoss, der Platz für 85 Gäste bietet. Kulturkreis Frohnau, Kunstverein Centre Bagatelle, Seniorenclub Frohnau, Wladimir-Lindenberg-Gesellschaft und Deutsch-Französische Association halten hier regelmäßige Veranstaltungen ab. Auch die deutsch-französische Musikschule als eine der letzten wirklich binationalen Organisationen – rund die Hälfte der 200 Schüler ist französischer oder franko-kanadischer Herkunft – lädt hier zu Konzerten ein. Doch mit all dem soll jetzt Schluss sein.

Rund 400000 Euro muss der Bezirk im Kulturbereich einsparen. Der jährliche Betrieb des Centre Bagatelle kostet rund 50000 Euro, die Hälfte davon sind Personalkosten, sagt der zuständige Stadtrat Thomas Gaudszun (SPD). Doch selbst wenn die Vereine in der Lage wären, das Geld aufzubringen, könnte der Bezirk das Haus nicht in eigener Regie behalten. Denn weitere 45000 Euro zieht der Finanzsenator vom Bezirkshaushalt als Ausgleich für Zinsen ab, die der Landeskasse erspart blieben, wenn sie einen anderen Eigentümer hätte.

So einigten sich Reinickendorfs Kommunalpolitiker parteiübergreifend, die Villa zum 1. Januar zwecks Verkaufs an den Berliner Liegenschaftsfonds zu übertragen. „Das ist die totale Katastrophe“, sagt Gerhard Kapisto von der Deutsch-Französischen Association. „Dann haben wir kein Zuhause mehr“, so Hannelore Kulbe vom Kulturkreis. Für Frohnau ist das Centre ohne Alternative. Ersatzangebote des Bezirks sind entweder für ältere und gehbehinderte Menschen unerreichbar oder liegen weit entfernt in anderen Ortsteilen.

„Das wird bitter“, klagt auch Irmgard Keese vom Seniorenclub. Dessen rund 100 Mitglieder kommen seit 25 Jahren zweimal wöchentlich zu Gymnastik, Chor und Kartenspiel in die Villa. „Die Franzosen waren nicht kleinlich, haben uns auch finanziell unterstützt“, erinnert sich die Vorsitzende. Das Bezirksamt habe dem Verein noch nicht einmal angekündigte Alternativen benannt. „Wir haben in Frohnau keine Möglichkeit mehr, uns weiterhin zu treffen.“

Den Kommunalpolitikern werfen die Betroffenen vor, sie kurzfristig vor vollendete Tatsachen gestellt zu haben. Die Möglichkeiten zur Vermarktung des Gebäudes seien nicht ausreichend genutzt worden, heißt es. Die Vermietung für private Feiern war vor einiger Zeit nach massiven Lärmbeschwerden einiger Nachbarn eingestellt worden.

Kampflos wollen die Vereine das Feld allerdings nicht räumen. Bis Ende November hat ihnen der Bezirk die Möglichkeit eingeräumt, einen Sponsor zu finden, der das Haus erwirbt und ihnen weiter zur Verfügung stellt. Nach inoffiziellen Angaben wird der Kaufpreis auf rund 1,3 Millionen Euro geschätzt. Doch mehr als 500 bis 1000 Euro im Jahr wird keiner der betroffenen Clubs aufbringen können. Und auch der Verein „Senfkorn“, der die oberen Räume für einen privaten Kindergarten nutzen möchte, wird das Projekt nicht allein finanzieren können. Eine Initiativgruppe (Kontakt Helga Schwanke, Telefonnummer 0163/4013977, info@initiativecentre-bagatelle.de) ist jetzt dabei, einen Trägerverein zu gründen und zu versuchen, prominente Frohnauer sowie große Firmen für das Centre Bagatelle zu begeistern. Sonst heißt es hier bald rien ne va plus – nichts geht mehr.

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