Zeitung Heute : Strindberg-Potpourri

CHRISTINA TILMANN

Werkstatt des Schillertheaters: "Gespenstersonate" von Elke PetriCHRISTINA TILMANNDie Geister der Vergangenheit, die Strindbergs späte Stücke bevölkern, sind sehr lebendig.In den inzwischen weltenfernen Gesellschaftstableaus des ausgehenden 19.Jahrhunderts sind sie voll surrealer Kraft, voll beunruhigender Irrationalität und Modernität.So auch in der "Gespenstersonate", die Elke Petri - als Schauspielerin von der Schaubühne bekannt - gemeinsam mit dem neugegründeten Institut für Schauspiel der Volkshochschule Tiergarten erarbeitet hat. Während die moralisierende Betrugs- und Entlarvungsgeschichte auf der Werkstattbühne des Schillertheaters über weite Strecken hölzern, verstaubt und theatralisch wirkt, gewinnen die Traumszenen wie das "Gespenstersouper" durch deutliche Anleihen an Max Beckmanns Nachkriegsbilder irreal-eindrucksvolles Grauen.Dabei sind die Grenzen nicht immer deutlich: Die Hauptfigur der Traumwelt, die "Mumie" im Wandschrank, hat in Susanne Streicherts klarer Diktion trotz schwarz-rot-goldenen Federkleides wenig von jener Mischung zwischen moralischer Überlegenheit und Wahnsinn.Die Tochter des Hauses gibt Astrid Pochmann dagegen derart zart-verletzlich, daß ihr Liebestod inmitten von Wogen weißen Brauttülls anrührend plausibel erscheint.Nur schade, daß der Mut zum Pathos, mit dem Klaus Rettig als Student Arkenholz seiner verstorbenen Braut die Totenrede hält,nicht trägt - viel zu schnell, wie in jeder Pause, dröhnen Pop-Rhythmen in die Stille. Um möglichst vielen jungen Schauspielern tragende Rollen zu geben, muß kombiniert werden: Elke Petri erweitert mit Hilfe dreier Einakter das Kammerspiel "Gespenstersonate" zu einem dreistündigen Theatermarathon.Nicht, daß nicht auch am Rande Talente blitzen: Siir Eloglu spielt in "Die Stärkere" die eifersüchtige Ehefrau derart aggressiv, daß sie ihre Selbstgewißheit am Ende selbst widerlegt.Und Serafina Magsamen ist in "Mutterliebe" eine überzeugend schwache Tochter.Nur vermittelt die Vielfalt verschachtelt hintereinandergeschnittener Szenen das Gefühl eines Strindberg-Potpourris mit allem, was dazugehört: Inzest, Betrug, Eifersucht, Intrige und erdrückender Elternliebe. Wieder vom 4.bis 6.November, jeweils 19.30 Uhr, Werkstatt des Schillertheaters.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben