Zeitung Heute : Strom grenzenlos

Bei der Nutzung erneuerbarer Energien arbeiten die nordischen Länder eng zusammen

André Anwar[Stockholm]

Ausgerechnet während einer wichtigen Tagung des nordischen Ministerrates in Stockholm im Vorfeld des Klimagipfels schütteten schwedische Greenpeaceaktivisten 18 Tonnen Kohle rund um den Eingang der Regierungskanzlei und hielten Schilder mit den Namen schwedischer Kohlekraftwerke in Deutschland in die Luft. „Schweden will als EU-Ratspräsidentschaftsland eine Führungsrolle beim Klimagipfel übernehmen. Gleichzeitig lässt die Regierung ihren eigenen Konzern Vattenfall im Ausland immer mehr Kohlekraftenergie herstellen“, begründet die junge Greenpeaceaktivistin Amanda Pantzar an jenem Morgen die Aktion. Doch auch wenn viele ihr Recht geben und der Druck auf die Regierung in dieser Frage wächst: Mit ihrer umfangreichen Nutzung erneuerbare Energien gehören die nordischen Länder heute zu den umweltfreundlichsten Industrienationen der Welt.

Dabei setzte man schon früh auf eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energiequellen. Heute wollen die Nordländer beim Klimagipfel in Kopenhagen als „bahnbrechende Pioniere“ andere Nationen inspirieren und als Vorbild für grenzüberschreitende, „öko-effektive“ Volkswirtschaften auftreten. In ihrer Absichtserklärung beschlossen die Minister, einen für alle nordischen Endverbraucher gemeinsamen Strommarkt zu schaffen und stimmten einer grenzüberschreitend Ökologisierung des Transportsektors zu.

Bereits heute haben alle nordischen Länder in ihrem Versorgungsportfolio einen im EU-Vergleich erstaunlich hohen Anteil an klimaschonenden Energieformen. Allein in Island wird rund 80 Prozent der verbrauchten Energie durch erneuerbare Quellen produziert. In Schweden sind es rund 60 Prozent, in Norwegen 30, in Finnland – das sich inzwischen im Bereich Umwelttechnologie weltweit einen Namen gemach hat – 25 Prozent und in Dänemark 15 Prozent. Im Vergleich dazu fällt der Durchschnittswert der 15 EU-Kernländer mit sieben Prozent eher dürftig aus.

Freilich sind die günstigen natürlichen Voraussetzungen der Nordländer ein wichtiger Grund für diese hohen Quoten, etwa die traditionelle Wasserenergiegewinnung in Schweden oder der enorme Bestand an geothermalen Energiequellen in Island. Dennoch hat man sich nicht darauf ausgeruht. Durch den schon 1955 gegründeten Nordischen Rat und die frühe Zusammenarbeit in nahezu allen Bereichen, lernten die Mitgliedsländer schon Jahrzehnte vor der Gründung der Europäischen Gemeinschaft die Vorteile internationaler Vernetzung kennen. Heute nutzt der Nordische Rat diese Erfahrungen, etwa wenn es um die grenzüberschreitende Erforschung umweltfreundlicher Energiegewinnung oder deren Implementierung in die Wirtschaft geht.

An Geld fehlt es dabei nicht. Denn durch die Kooperationen mit den Nachbarn werden nordischen Unternehmen neue Einnahmequellen und Exportmöglichkeiten eröffnet. Da ist es nicht verwunderlich, dass in allen nordischen Ländern verblüffende zukunftsweisende Projekte zu finden sind. Beeindruckend ist etwa der trotz vieler Unkenrufe geglückte Aufbau der dänischen Windparks, die inzwischen 21 Prozent des einheimischen Strombedarfs decken. Das ist Europarekord. Die durch Windflauten auftretenden Schwankungen konnten erfolgreich ausgeglichen werden – durch präzisere Wettervorhersagen, flexible Aufnahme der Windenergie durch Kraftwerke und vor allem durch eine Kooperation mit dem norwegischen Energiesektor: Über Stromleitungen schickt Dänemark überschüssigen Strom in so genannte Pumpspeicherkraftwerke in Norwegen. Dort leiten spezielle Anlagen Wasser in tiefe Stauseen. Bei einer Windflaute strömt dieses Wasser durch Turbinen ab und liefert den Dänen automatisch den benötigten Strom.

Inzwischen nutzt auch Holland die norwegische Anlage, in Deutschland denkt man darüber nach. Selbst Israel ließ sich inspirieren und sondiert eine Stromabspeicherung in Batterien. Flankiert von den dänischen und norwegischen Erfahrungen will nun auch Schweden, das bislang wenig auf Windenergie setzte, bis 2015 für fünf Milliarden Euro Europas größten Windkraftpark errichten und damit acht Prozent der eigenen Stromproduktion abdecken.

Neben diesem buchstäblichen Paradeprojekt gibt es viele andere im Norden. So entsteht in Finnland ein Wohngebiet, das völlig CO2-neutral sein soll. Und Dänemark meldete gar, dass Kopenhagen als erste Hauptstadt der Welt bis 2025 des gleiche erreichen wolle. Dazu sollen neue Windkraftanlagen errichtet, Gebäude klimarenoviert, neue Grünanlagen gebaut und der Kauf von Elektroautos gefördert werden. Den Großteil aber will Kopenhagen durch den Einsatz effektiver Erdwärmewerke erreichen, die rund die Hälfte des Energieverbrauchs decken sollen.

Als weiteres interessantes Projekt gilt der Versuch, im dunklen Schweden Solarsysteme für sonnenscheinarmen Regionen zu entwickeln. In Norwegen plant man gar schwimmende Windräder. Zudem konnte dort kürzlich der weltweit erste Prototyp eines Unterwasser-Kraftwerks an das Stromnetz angeschlossen werden. Dabei ziehen Rotoren die Energie aus den durch Ebbe und Flut bewegten Wassermassen. Schon in fünf Jahren sollen 100 000 Haushalte darüber mit Strom versorgt werden.

Ein großes Fragezeichen in der Umweltfreundlichkeit des nordischen Energieportfolios bleibt allerdings die Atomkraft. Doch auch hiermit gehen die Nordeuropäer auf ihre ganz eigene Weise um. In Finnland und Schweden haben sich die Regierungen klar zum Ausbau der Kernkraft entschieden, weil sie CO2-frei und heutzutage technisch nicht mehr gefährlich sei. Zudem stehen in beiden Ländern wirtschaftlich nutzbare Atomendlager kurz vor der Realisierung. In Deutschland undenkbar: Widerstand gab es so gut wie keinen. Nach anfänglicher Überzeugungsarbeit sehen nun viele der betroffenen Gemeinden die Vorteile der Endlager vor ihrer Haustür: Sie seien gut für Wirtschaft und Arbeitsmarkt.

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