Zeitung Heute : Strom sparen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Ins Kino gehen? Das halt ich nervlich nicht mehr aus. Da kommt immer dieser Trailer für den Al-Gore- Klimafilm: apokalyptische Bilder. Dann der Aufruf, in Gottes Namen Benzin und Strom zu sparen. Gore präsentiert verblüffende Fakten: Er warnt zum Beispiel vor dem Treibhauseffekt. Allerhand. Umweltschutz sei „keine politische Frage“ verkündet er, „sondern eine moralische“! Er guckt dabei so selbstgefällig, da könnte selbst George W. Bush nicht mithalten. Ob Gore als US-Präsident auch Angriffskriege führen würde? Gegen Völker, die nicht genug Strom sparen?

Immerhin, sein Engagement zeigt Wirkung. Mein Ausgehverhalten hat sich radikal verändert. Ich besuche jetzt Lesungen statt Kinos. Das spart Strom und ist Al-Gore-sicher.

Neulich war ich bei Christoph Ransmayr. Ein sympathischer Langsamschreiber aus Österreich. Dieser Autor hat in mehr als fünf Jahrzehnten lediglich eine Handvoll Bücher verfasst. Vorbildlich. Wenigschreiben spart Rohstoffe und ist daher nicht nur politisch korrekt, sondern auch moralisch.

Ransmayr ist ein eigenwilliger Mann. Er trägt Vokuhila. In den siebziger Jahren war diese Haartracht insbesondere unter Fußballern verbreitet. Heute ist Ransmayr einer der letzten Vertreter. Auch im literarischen Bereich ist er kein stromlinienförmiger In- Heinz. Im Roman: „Der fliegende Berg“ erzählt er etwa die geheimnisvoll-verworrene Geschichte zweier Brüdern, die nach Osttibet fahren, um einen namenlosen Berg zu besteigen. Wie altmodisch.

Ransmayr schreibt wortgewaltig und liest gut. Dennoch drifteten meine Gedanken gelegentlich ab. Ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, dass jemand ohne selbstverliebte Prediger-Pose vorträgt. Lediglich aus Freude an der Sprache und am Erzählen.

Hoffentlich wird Al Gore bald auch öfter im TV gezeigt. Ich werde dann noch mehr Strom sparen. Nie mehr blöd herumzappen, sondern bei Kerzenschein Christoph Ransmayrs Romane lesen. Danke, Al!

Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg, S. Fischer Verlag, 19,90 Euro

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