Zeitung Heute : "StudentsNetwork": Hausaufgaben aus dem Netz gefischt

Matilda Jordanova-Duda

"Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland kauen die gleichen Themen im Unterricht durch, machen die gleichen Hausaufgaben, schreiben die gleichen Arbeiten". Dieser Gedanke schoss dem damals 16jährigen Schüler Bastian Wilhelms durch den Kopf, als er 1994 zum ersten Mal im Netz surfte. Er suchte vergeblich Informationen für eine Hausarbeit. Wieso ist niemand auf die Idee gekommen, diese Dateien zu sammeln, fragte sich der Gymnasiast, wohl wissend, dass viele seiner Freunde ihre Hausaufgaben am PC erledigten.

Im Dezember 1996 gründete Wilhelms dann die erste deutschsprachige Hausaufgabensammlung im Internet unter "StudentsNetwork" und erleichterte damit "tausenden dankbaren Schülern" die Arbeit. Der Dienst wurde im Mai 2000 zur Community-Plattform Young.de und der ehemalige Schüler zum Start-up-Unternehmer.

Inzwischen gibt es an die 50 Hausaufgaben- und Referatesammlungen allein im deutschsprachigen Internet. Warum auch sollen Generationen von Schülern sich immer wieder selbst in die Bibliotheken quälen, um zum Beispiel Material für ein Referat über "Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland" zu sammeln, wenn das schon jemand vorher gemacht hat? Die größten Datenbanken verfügen über mehr als 6000 Arbeiten, Notizen und Mitschriften zu allen möglichen Themen - von Mathematik, EDV und Biologie bis Deutsch, Latein und Ethik. Kleinere Tauschbörsen haben weniger auf Lager. Da viel voneinander kopiert wird, geistern Titel wie "Die Geschichte der Südslawen auf dem Balkan" und "Die Rettung der dänischen Juden" in mehreren Datenbanken herum. Mit dem Verschicken treten die Autoren alle Urheberrechte an den Online-Dienst ab, so dass ihre Werke auf CD-ROMs gebrannt werden können - und zu einem erklecklichen Preis auch das Leben der Schüler ohne Netzanschluss erleichtern.

Im Netz kann man die Hausaufgaben dagegen meist kostenlos haben. Dennoch: Die idyllischen Zeiten, als die meisten Betreiber selbst Schüler waren und die Texte uneigennützig ins Netz stellten, scheinen vorbei zu sein. Bei vielen Websites dürfen nur registrierte Mitglieder die Sammlungen nutzen. Bei Referate.de kosten die Texte auch etwas: von 30 Pfennig bis 3 Mark reichen die Download-Preise. Ein Drittel der Einnahmen bekommt bei Referate.de der Autor, akzeptiert werden angeblich nur Arbeiten, die mindestens mit Zwei Plus benotet wurden.

"Für Qualität keine Garantie!" warnen fairerweise andere Referat-Recycler. Denn es ist nicht ihre Sache, die zugeschickten Arbeiten auszusieben oder zu redigieren. Neben recherchierten Fakten, fundierten Analysen und phantasievollen Essays finden sich mitunter auch schlampige Aufsätze oder reine Stichwörterverzeichnisse. Nicht alle Gebiete des Wissens sind im Netz gleich gut vertreten. Deutsch, Geschichte und Erdkunde gibt es reichlich, das Angebot in Latein, Mathematik und Wirtschaft ist mager.

Auch Stil und Rechtschreibung sind oft Glücksache. Bei Young.de erteilen deshalb jetzt die Nutzer selbst Noten und beurteilen, wie gründlich und wie korrekt ein Thema beackert wurde. Produktive Autoren werden mit Gewinnspielen, Bargeld oder virtuellen Bonuspunkten geködert. Zunehmend kommerziell wird also die frühere Schülerselbsthilfe: "Danksagungs-Mails" an die "Spender unersetzbarer Überlebenshilfen" reichen als Lohn nicht mehr aus.

Nebst reinen Datenbanken gibt es jetzt auch Nachhilfe-Adressen, Schummel-Tipps und Expertenwissen, für das wie an der Börse geboten wird: Stefan hat Bammel vor der Abschlussprüfung als Drehtechniker - hat sie schon jemand hinter sich gebracht? Dafür will er 250 Bonuspunkte vergeben.

Beschränkt sich die eigentliche Leistung der Schüler künftig auf das Bedienen der Suchmaschine? Viele Lehrer wissen nicht, dass sich aus dem World Wide Web beliebig Aufsätze herausfischen lassen. Deshalb schöpfen sie keinen Verdacht, dass ihnen Plagiate vorgelegt werden. Doch einige Pädagogen sehen die Hausaufgabensammlungen durchaus positiv. "Das neue Medium regt Schüler dazu an, sich intensiver mit einem Stoff auseinander zu setzen und Materialien zusammenzutragen, die der Lehrer nicht vorgibt", sagt Michael Ziemer, Lehrer für Deutsch und Philosophie. Online-Angebote könnten auch als Anregung und Hinweis dienen. Das Problem, dass Schüler nur herunterladen, ausdrucken und abgeben, habe es in anderer Form schon früher gegeben, als häufig aus Büchern abgeschrieben wurde. Durch Nachfragen lässt sich leicht feststellen, ob ein Schuler selbständig gearbeitet hat, so Ziemer. "Bevor ich ein Thema vorgebe, schaue ich erst selbst ins Internet."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben