Zeitung Heute : Studienreisen: Bildungsgesetz: Geben ist seliger als nehmen

Franz Lerchenmüller

Bildungsreisen sind - man mag es glauben oder nicht - noch immer aktuell, pardon: en vogue. Doch Achtung: Üben Sie sich vor einer Bildungsreise unbedingt in der Kunst des gebildeten Dialogs. Auf ein schwärmerisches "Gnädigster Büste erinnert in ihrer Anmut aber auch frappierendst an die der Siegesgöttin von Samothrake" sollten Sie mehr erwidern können als "Körbchengröße C - wenn Sie das meinen."

Geben Sie sich frühzeitig als Humanist zu erkennen. Flechten Sie während der ersten Plauderei ein lockeres "Andramoiennepemousa ..." ein. Fährt jemand mit einer flüssigen Rezitation der "Odyssee" fort, wechseln Sie sofort das Thema.

Veranstalter von Bildungsreisen neigen dazu, das Programm einzuengen. Für einen Besuch am Grab des Neffen der dritten Frau von Nebukadnezar oder ein Expertenhearing mit dem Ornithologenverband in Monteverde ist immer noch reichlich Luft.

Bestehen Sie vielmehr darauf, einheimisches Leben in all seinen Facetten kennenzulernen. Was Reiseleiter oft nicht wissen: Der Genuss von hausgebrautem Hirsebier, eine persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama sowie die Teilnahme an einer senegalesischen Mannbarkeitszeremonie sind hierzu unabdingbar.

Nur keine falsche Scheu! Betreten Sie selbstbewusst javanische Geburtshütten und mexikanische Sterbezimmer. Fotografieren Sie! Auch stillende Mütter, halbblinde Greise und Mädchen mit Klumpfuß. Möglicherweise sind Sie der letzte Zeuge einer Kultur, die die Geißel des Massentourismus schon bald aus unserer Erinnerung getilgt haben wird.

Geben ist seliger als Nehmen - wie sehr gilt dies gerade für das höchste Gut, die Bildung. Ihre Mitreisenden werden es zu schätzen wissen, alles über die Feinheiten im Pinselstrich der Präraffaeliten oder den Bedeutungswandel der Hydroglyphe "paal" zu erfahren. Übrigens: Im Falle fundamentaler Streitfragen könnte eine kleine Handbibliothek im Reisegepäck unschätzbare Dienste leisten.

Eventuelle Verbote, ägyptische Statuen oder dorische Säulen einzupacken, ignorieren Sie. Wo wären diese besser aufgehoben als auf Ihrer Fensterbank zwischen der Vodoo-Puppe von Käthe Kruse und der etruskischen Nudelrolle?

Was das nähere Kennenlernen Ihrer Mitreisenden angeht: Hüten Sie sich vor unverhofften Flopps: "Nein, mein Lieber. Die Laokoon-Gruppe war keine frühhellenistische Firmenfusion, die Weibersatire stammt nicht von Harald Schmidt und Tsau Tsau ist nicht der Abschiedsgruß eines Chinesen in Neapel. Und nun nimm endlich dein Bett und wandle!"

Bei aller planerischen Sorgfalt lässt sich manchmal eine Begegnung mit ordinären Touristen nicht vermeiden. Versuchen Sie zunächst, diese mit Ihrem Exemplar des "West-Östlichen Diwan" - husch, husch - wegzuwedeln. Zeigen sie sich störrisch, zögern Sie nicht, zu Ihrer schärfsten Waffe zu greifen: der Ironie: "Ach, haben Sie sich verlaufen? In Pergamon gibt es doch gar keinen Ballermann."

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