Zeitung Heute : Studieren geht über Probieren

Deutschland fehlt es an Fachkräften und Hochqualifizierten, das hat eine OECD-Studie ergeben. Wie kann das geändert werden?

Anja Kühne
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Aus Sicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bildet Deutschland zu wenig Akademiker aus. Bei der Zahl der Hochschulabsolventen ist Deutschland im internationalen Vergleich mit den Mitgliedstaaten seit 1995 von Rang zehn auf Rang 22 zurückgefallen.

Zwar nimmt die OECD zur Kenntnis, dass Deutschland ein gutes duales Berufsbildungssystem hat. Dort werden manche Berufsgruppen ausgebildet, die in anderen Staaten an Hochschulen studieren, wie zum Beispiel Erzieherinnen oder Krankenschwestern. Dennoch konstatiert die OECD, dass es Deutschland an Hochqualifizierten mangelt: Der gesamte tertiäre Bildungssektor, zu dem neben dem Hochschulstudium auch höherwertige Berufsausbildungen an Fachschulen oder Schulen des Gesundheitswesens gerechnet werden, entwickle sich im internationalen Vergleich zu langsam. In Deutschland erreichen 30,6 Prozent eines Jahrgangs einen Abschluss im tertiären Bereich, im OECDSchnitt sind es 45 Prozent. Zudem erfordern die Berufe, in denen es hierzulande vor allem an Nachwuchs fehlt – Ingenieure, Naturwissenschaftler und Lehrer – einen Hochschulabschluss. Da hilft also ein gutes duales Berufsbildungssystem wenig.

Weil viele Faktoren nach Ansicht der OECD für die geringe Zahl an Akademikern in Deutschland verantwortlich sind, muss sich auch an vielen Stellen etwas bewegen. Zunächst einmal muss überhaupt eine ausreichende Zahl von Studienplätzen angeboten werden. Derzeit ist die Nachfrage in vielen Bereichen höher, als das Angebot. Bundesweit ist etwa jeder zweite Studiengang mit einem Numerus clausus belegt. Es ist fraglich, ob die neuen Studienplätze, die Bund und Länder mit dem „Hochschulpakt“ schaffen wollen, für den kommenden Ansturm an Studierwilligen ausreichen. Weiterhin schrecken finanzielle Argumente noch immer viele Schulabgänger von einem Studium ab. Der Kreis der Bafög-Geförderten müsste also deutlich erweitert werden. Ob das mit der Bafög-Reform der Bundesregierung gelingt, ist allerdings sehr zweifelhaft. Inzwischen erheben sieben Bundesländer Studiengebühren. Gute Stipendien- und Kreditsysteme gibt es aber nicht. Wer die bis zu 500 Euro pro Semester nicht sofort zahlen kann, muss einen teuren Kredit aufnehmen.

Deutschlands Universitäten könnten aber auch mehr Absolventen generieren, wenn sie es schaffen, die jetzige Abbrecherquote von 35 Prozent zu senken. Die OECD hofft hier auf die neuen besser strukturierten und kürzeren Bachelor- und Masterstudiengänge.

Wer in Deutschland mehr Akademiker will, der muss mehr Chancengerechtigkeit schaffen, vor allem im Schulsystem. So erreichen nur 46 Prozent der Kinder von Nichtakademikern die Oberstufen der Schulen, wie die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt. Von diesen 46 Prozent nimmt nur die Hälfte ein Studium auf. Hingegen erreichen von 100 Akademikerkindern 88 die Oberstufe und von diesen beginnen 83 ein Studium.

Die OECD hat deutlich gemacht, dass sie die frühe Aufteilung der Schüler auf die verschiedenen Schultypen in Deutschland für falsch hält. Das Potenzial vieler Kinder werde zu wenig entwickelt. Bundesbildungsministerin Annette Schavan hingegen hält nicht viel von einer Gemeinschaftsschule für alle bis zur zehnten Klasse, sondern will sich für mehr Durchlässigkeit zwischen den Schultypen einsetzen. Auch soll der Zugang zum Studium Berufstätigen mit Ausbildung aber ohne Abitur erleichtert werden, und die Hochschulen sollen mehr berufsbegleitende Studiengänge anbieten.

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