Zeitung Heute : Stürmische Gewinner

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS ."Tackling ist schöner als Sex." Der englische Mittelfeldspieler Paul Ince hat das mal während der WM-Tage hier in Frankreich gesagt.Nun ließe sich trefflich darüber streiten, ob Ince verrückt geworden ist mit den Jahren, die er doch schon dem Ball hinterherjagt, oder aber noch nie Sex hatte.Vielleicht irrt er ja auch gar nicht.Egal, das, was sich hier in den letzten 32 Tagen abgespielt hat, konnte sich durchaus sehen lassen.Wenngleich weniger die Tacklings, Herr Ince, so doch die Produkte allen Bemühens: die Tore nämlich.

Vielleicht sind auch deshalb die Stürmer die eigentlichen Gewinner dieses Turniers, mal abgesehen vom Deutschen Jörg Heinrich, der schon mal während des Spiels den Schuh verliert, aber dennoch von einem italienischen Verein für 25 Millionen Mark eingekauft wird.Doch um in Erinnerung zu bleiben, sich von 704 spielenden Beinpaaren abheben zu können, bedarf es mehr.Fangen wir an beim besten Fußballer überhaupt - Ronaldo.In den ersten fünf Spielen schoß er lediglich drei Tore.Zuweilen sogar blieb er gänzlich unauffällig.Wären da nicht "seine" Spiele gegen Dänemark und Holland gewesen.Sein Tor, die Sprints, seine Dribblings und seine instinktive Reaktionsschnelligkeit ließen ihn wieder der Masse entrücken.Wenn er angespielt wird, dann beginnt sich der Ball wohlzufühlen.Er streichelt ihn mehr, als daß er ihn tritt.

Oder nehmen wir einige andere Stürmer, die fast reihenweise die hohen Erwartungen erfüllten.Denken wir an den blonden Mexikaner Luis Hernandez oder an den flinken Chilenen Marcelo Salas, die sich trotz ihres "Klein-klein-Spiels" vor dem Tor als treffsicher erwiesen.Beide trafen jeweils viermal.Blicken wir zurück auf die Spiele der Argentinier und ihre Protagonisten Ariel Ortega und vor allem Gabriel Batistuta.Letzterer brachte es auf fünf Tore in fünf Spielen.Oder der Italiener Christian Vieri, der für diese Ausbeute sogar ein Match weniger benötigte.In frischester Erinnerung dürfte allerdings Davor Suker sein.Der kroatische Torjäger kam auf sechs Tore, wobei allein sein Treffer zum 2:1-Sieg im Spiel um Platz drei gegen die Holländer die Eintrittskarte wert war.

Zu den positiven Entdeckungen dieser WM zählen zweifellos der erst 18jährige Engländer Michael Owen oder José Luis Chilavert, der spielende Torwart Paraguays.Wiederentdeckt wurde der vom holländischen Bondscoach vor zwei Jahren mal vorübergehend und unehrenhaft aus der Nationalmannschaft entlassene Edgar Davids, der sich mit körperlichem Einsatz und fußballerischer Extraklasse in die Herzen nicht weniger gespielt haben dürfte.Leider hatte Deutschland nicht einen solchen Spieler.Auf dieser Position haben die Deutschen eben Andreas Möller.

Womit wir bei den Versagern dieses Globalturniers wären.Natürlich wie immer zählt Möller dazu, der völlig durchgefallen ist bei der Bewerbung um einen Platz im All-Star-Team.Aber auch der Spanier Raul.Wo waren sie, die ehedem hoch Gehandelten, etwa die Jugoslawen Dejan Savicevic und Predrag Mijatovic, oder der Italiener Alessandro Del Piero? Der Rumäne Gheorghe Hagi und der Kolumbianer Carlos Valderrama schlichen, fürstlich in die Jahre gekommen und daher nicht unerwartet, wie Schatten ihrerselbst über die Plätze.Und wo bitteschön blieben die Nigerianer, allesamt perfekte Techniker mit atemberaubender Physis.Sie stolperten früh und nicht zuletzt über ihre eigene Arroganz.

Da dürfte es doch so mancher als wahre Freude empfunden haben, ein Spiel der marokkanischen Mannschaft zu sehen.Allen voran ihren Schlußmann: Driss Benzekri.Nun wahrlich nicht reich bedacht mit feinen Fangeigenschaften oder sicherem Stellungsspiel, holte er doch das Machbare für sich raus.Frei nach dem Motto: Nur Fliegen ist schöner.

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