Zeitung Heute : Stuhltanz

MICHAEL PILZ

Jazz, made in Britain:Courtney Pine im Tränenpalast

MICHAEL PILZ

Nein, der Underground ist nicht bestuhlt."This Music is for dancing!" ruft Courtney Pine von der Bühne und schüttelt bekümmert seine Flöte.Im Berliner Tränenpalast wieselt ein Kellner um die Tische.Die Zuschauer lümmeln erwartungsfroh.Nur ihr Star ist bestürzt über den deutschen Brauch, Jazz reglos zur Kenntnis zu nehmen."Underground" hat Courtney Pine sein jüngstes Album genannt: Ein Topos vergangener Epochen, in denen es noch etwas zu unterwandern gab.Zum Trotz bläst Courtney Pine heftig mit dem Saxophon ins Gestühl.Hinter Türmen aus Bierkästen steht sein DJ Sparkii, der eine Sequenz aus dem Rechner tastet.Ein zweiter DJ scratcht nach Kräften.Pine phrasiert wie ein Rapper. Gewöhnlich ist dieser HipHop-Jazz noch so aufregend wie der gegenwärtige Stand der Steuerreform.Beim Verein Jazzmatazz, an dem auch Courtney Pine beteiligt war, zerfiel jeder Mix in seine Teile.Doch höre da: Hier und heute verbindet sich alles zu hypnotischem JazzHop.Heureka, der DJ genießt sein Solo, und das Sopransax legt sich weihevoll über Drum & Bass.Courtney Pine ist 33, stammt aus London, hat Eltern jamaikanischer Herkunft.Und seine aktuelle Fusion ist tatsächlich die bestmögliche Konsequenz aus dem seligen Acid Jazz des Camdener Undergrounds.Die Band spielt Jazz mit dem Selbstverständnis von Blues, Reggae, Soul, Funk und elektronischer Tanzmusik. Das führt zu wundervollen Stücken, die in einem sonderbaren Zustand schweben: Scheinen ganz neu mit schicken Maschinenbeats und weisen traditionell weit zurück.Sei es durch ein aufgekratztes Eddie-Harris-Zitat oder eine Baßschlaufe von Stanley Clarke.Pine ist ein enzyklopädischer Bläser, der Donald Byrds Blech mit dem Tenorsax und imitiert auch Rollins oder Sanders.Als hätte er sich zwischen den Gebrüdern Marsalis eingerichtet.Er spielt zwischen kratzendem Vinyl und einem Jazznachwuchs mit hörbar historischen Vorlieben: die Sängerin Julie Dexter etwa oder Cameron Pierre, sein Gitarrist.Pine hält sie alle beieinander und nickt zufrieden, als es die Deutschen dann endlich von den Sitzen treibt. 





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