Zeitung Heute : Sturkopf Javier Clemente spielt va banque

ST.ETIENNE .Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der "Seleccion Española" wieder einmal weit auseinander.Nach einer erneuten Demütigung haben die stolzen Spanier ihr WM-Schicksal nicht mehr selbst in der Hand."Jetzt sind wir von anderen abhängig.Wir müssen hoffen, daß Nigeria gegen Paraguay gewinnt", klagte der enttäuschte Francisco Morientes nach der blamablen Nullnummer von St.Etienne gegen die Defensivkünstler aus Paraguay.Spanien spielt mit Bulgarien am Mittwoch in Lens um die letzte Chance."Das wird ein richtiges Finale", kündigte Fernandez Abelardo an.

Die spanische Presse setzte nach der trostlosen Vorstellung der zum Geheimfavoriten hochgepuschten Mannschaft ihren Dauerstreit mit Trainer Javier Clemente fort."Spanien weint still vor sich hin", schrieb "El Mundo"."As" hat den "Schuldigen" ausgemacht: "Clemente hat völlig die Orientierung verloren." Den Spaniern droht die größte Schmach seit zwanzig Jahren.1978 schied das Team nach der Vorrunde aus.

Sturkopf Clemente spielte va banque.Nach dem mit 2:3 gegen Gruppensieger Nigeria verlorenen Auftaktmatch tauschte der Coach die halbe Mannschaft aus.Mit Abelardo, Aguilera, Pizzi kamen gleich drei Akteure zu ihrem Debüt bei dieser WM.Und mit Amor und dem erst 20 Jahre alten baskischen Stürmer Etxeberria rückten zwei weitere Spieler in die Anfangsformation, die gegen die Afrikaner nur eingewechselt worden waren.Nach der Pause durften sich wiederum drei andere versuchen.Das Spiel wurde dadurch nicht besser, sondern blieb ohne Esprit und Ideen.

Welch ein Unterschied: Selbstbewußt wie noch nie waren die Spanier nach Frankreich gefahren.Real Madrids Jungstar Raul war von den Qualitäten und der Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern überzeugt: "Wir sind eingespielt und vorbereitet wie eine Klub-Mannschaft." Die Zuversicht ist verflogen.Clemente ruderte am Freitag abend am Spielfeldrand mit den Armen herum.Doch seine Hilflosigkeit war genauso groß wie die seiner Spieler, die von Angst gelähmt wurden und kein Konzept gegen das Abwehrbollwerk der Südamerikaner fanden.Die Iberer hatten bei einigen Kontern sogar noch Glück.Und der schwache Schiedsrichter Ian MacLeod (Südafrika) schien die Roten Karten vergessen zu haben.Als Spaniens Ratlosigkeit mehrfach in brutale Fouls umschlug, hätte der eine oder andere Spieler vom Feld fliegen müssen.

Wenn die Millionen verdienenden Stars wie Raul, Hierro oder Morientes mal nicht in der Deckung der "Guarani" hängenblieben, schnappte sich der zweimalige Welttorhüter des Jahres, Jose Luis Chilavert, wie ein Krake die Bälle.Der Paradiesvogel unter den WM-Keepern plusterte sich auf: "Wir haben gespielt wie in einem Finale, wir verfügen über die beste Abwehr der Welt." Die Mannschaft aus dem Fußball-Armenhaus träumt von einem Überraschungscoup, obwohl sie in 180 Spielminuten noch kein Tor erzielen konnte.Ein Sieg gegen Nigeria - und der Achtelfinaleinzug wäre perfekt.Chilavert: "Wir haben es in der Hand und werden zupacken."

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