• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Zeitung Heute : Sturm der Frauen

12.10.2003 00:00 UhrVon Tanja Stelzer

Männer sind auf dem Spielfeld Mimosen, sagt Sarah Günther. Sie kickt, seitdem sie zehn ist und trainiert heute in der Nationalmannschaft. Zur WM konnte sie in letzter Minute nicht mitfahren. Am Sonntag steht ihr Team im Endspiel – Deutschland hat seine Fußballerinnen entdeckt.

Abend, Flutlicht. Es riecht nach nassem Gras. Der Vizevorsitzende der Abteilung Frauenfußball bittet darum, allen Schmuck abzulegen. Neulich ist eine Spielerin über einen Zaun dem Ball hinterhergejagt und mit dem Ring im Maschendraht hängen geblieben. Der Finger ist ab. Die Trainer, verkündet der Vizevorsitzende, seien nun angewiesen, jede Spielerin zu kontrollieren. Irgendjemand sagt was von Bodypiercing, 14 junge Frauen kichern, dann traben sie in dunkelblauen Trainingsanzügen durch den Nieselregen, zehn Pferdeschwänze, vier Bürstenschnitte. Leise quietschen die Sohlen auf dem Boden.

Sehr jung sind sie, die Bundesligafrauen vom HSV, die jüngste ist gerade 16. In der letzten Saison sind sie in die Erste Liga aufgestiegen.

Sie trainieren ganz hinten, auf dem letzten Platz des Trainingsgeländes in Norderstedt kurz hinter Hamburg. Ihr Sponsor ist die Wurstmarke Hareico; der Sponsor der Herren hatte für sie kein Geld mehr übrig. Die Profi-Frauen sind die armen Würstchen des HSV. Vielleicht sind sie die Zukunft des Fußballs.

Ein bisschen Erfolg und viel Ärger

Seitdem die deutschen Damen bei der WM in den USA den Gastgeber und amtierenden Weltmeister geschlagen haben, hat Deutschland seine Fußballerinnen entdeckt. Die Männer spielen heute gegen Island und bangen um die Qualifikation zur EM. Die Frauen, von der Öffentlichkeit jahrelang nahezu ignoriert, könnten am Sonntag Weltmeister werden.

Mit dem Männerfußball ist es ja ein bisschen wie mit dem ganzen Land: Nichts geschieht spontan, ein gewaltiger Aufwand wird betrieben, ab und zu gibt es einen Erfolg, vor allem aber viel Ärger. Von Freude ist bei den Spielern nicht viel zu spüren. Jetzt aber kommen die Frauen: Die Sportwelt rühmt ihr emotionales Spiel, ihre Technik. Rudi Völler hat der Schwester-Nationalelf Ermutigungswünsche geschickt, das Radio sendet Schnellkurse im Frauenfußball, in denen erklärt wird, dass Tina Theune-Meyer der weibliche Völler ist, und in seiner Kolumne in der „Bild“-Zeitung bejubelt Franz Josef Wagner die Torhüterin Silke Rottenberg als besseren Oliver Kahn. Der bekennende Macho Wagner blickt tapfer neuen Zeiten entgegen, in denen die Frauen von ihren Männern verlangen: „Hol mir mal ein Bier, Alter“. Doch auch das gibt es: Alt-Trainer Max Merkel findet Frauenfußball „so attraktiv wie Karl Dall“. In Internet-Foren werden Hassgedichte auf die „Fußballschänderinnen“ geschrieben, aber vielleicht ist ja auch das nur ein Zeichen, dass die Fußball-Frauen keiner mehr ignorieren kann.

Sarah Günther ist so etwas wie der Star der armen Würstchen vom HSV. Der Verein hat sie von dem kleinen Club Buntentor Bremen abgeworben, für „irgendwas so um die 2000 Euro“, wie Sarah Günther etwas verschämt erzählt. Sie spielt seit einem Jahr in der A-Nationalmannschaft, doch am Ende hat Bundestrainerin Tina Theune-Meyer sie nicht aufgestellt für die WM. Sie wolle „mehr auf Erfahrung setzen als auf jung und wild“, hat Theune-Meyer ihrer jungen Spielerin erklärt.

Während ihre Teamkolleginnen drauf und dran sind, Weltmeister zu werden, fährt Sarah Günther also wie üblich viermal die Woche 130 Kilometer von Bremen zum Trainingszentrum in Norderstedt. Sarah Günther, 20 Jahre, seit einer Woche Grundschul-Lehramtsstudentin mit den Fächern Mathe und Sport, läuft, kickt, dribbelt und übt, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Für die Fahrtkosten bekommt sie eine Aufwandsentschädigung, dazu ein kleines Gehalt, wie viel, will sie nicht verraten. Bei größeren Vereinen wie dem FC Bayern oder dem FFC Frankfurt werden Gehälter zwischen 500 und 2000 Euro gezahlt.

Sarah Günthers Trainer Andrew Pfennig sagt, sie hätte im WM-Kader durchaus mithalten können, nur fehle ihr für die Nationalmannschaft noch eine gewisse Frechheit, die Abgezocktheit, „ihre Position auf dem Platz darzustellen“. Dabei weiß sie, was sie kann: „Mein Plus ist meine Technik. Ich bin schnell und habe ein gutes Auge: Ich kann das Spiel ganz gut lesen.“ Während sie erzählt, schaut sie zur Seite, als sei es ihr ein wenig peinlich, sich darzustellen.

Das ist wohl einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball: Den Frauen, sagt Andrew Pfennig, fehlt die Theatralik. Alles ist etwas leiser als beim Herrenfußball, im Publikum und auf dem Spielfeld. Trainer Andrew Pfennig meint, wenn sie sonntags im Stadion spielten, wirke es manchmal, als seien sie bei einer Beerdigung. Man kann es auch anders herum sehen, so wie Sarah Günther, die sagt: „Frauenfußball ist echter. Die Männer sind Mimosen. Die schreien, wenn gar nix passiert ist.“ Jedenfalls gucken bei den Schwalben Millionen zu, im Stadion und vor dem Fernseher. Zu einem Spiel in der Frauen-Bundesliga kommen an guten Tagen 500 Zuschauer ins Stadion, und im Fernsehen gibt es noch nicht mal einen Zusammenschnitt. Und weil keiner guckt, gibt es kein Geld. Das ist der zweite große Unterschied: In Deutschland kann vom Frauenfußball kaum jemand leben.

Wie hält man das aus, wenn man eine Spitzenleistung bringt, die so wenig honoriert wird? Sarah Günther antwortet brav: „Ich mach’ das ja nicht fürs Geld, sondern weil ich Spaß am Fußball hab’.“ Den Männerfußball habe „das ganze Geld kaputt gemacht, das ist Gift für den Leistungssport“. Irgendwie klingt es trotzdem, als sei das ein schwacher Trost.

Die WM-Spiele ihrer Teamkolleginnen hat sich Sarah Günther im Fernsehen angesehen, gemeinsam mit ihrem Freund. Ein Freund? In der Filmkomödie „Kick it like Beckham“ sagt die Mutter der jungen Fußballerin Jules: „Kein Junge will mit einem Mädchen ausgehen, das mehr Muskeln hat als er.“ Sarah Günther ist sehr hübsch und zierlich; ein junges Gesicht hat sie, das keine Schminke braucht. Sie fühle sich „zu hundert Prozent weiblich“, sagt sie. Was das ist für eine 20-Jährige? Vielleicht, dass sie „kein Problem“ damit hat, „nach einem Spiel zu weinen, wenn ich was doof fand“.

Sie spielt Fußball, seitdem sie zehn ist. Irgendwann im Sportverein fragten ein paar Fußballerinnen, ob sie nicht mal mitkommen wolle zum Training. „Hätten sie gefragt, ob ich Tennis spielen will, hätte ich eben das gemacht“, sagt sie. So aber verbrachte sie ihre Freizeit fortan auf dem Bolzplatz. Natürlich guckten die Jungs am Anfang seltsam, aber einmal von ihr ausgedribbelt, hatten sie keine Fragen mehr.

Dem Klischee von der Fußballerin entspricht vielleicht eher die kurzhaarige Keeperin Claudia von Lanken, die beim abendlichen Training neben dem Spielfeld steht und zuschaut, wie sich ihre Teamkollegin Anna im Tor nach links wirft, nach rechts, nach links, nach rechts. „Keine Schmerzen, keine Schmerzen!“, ruft Claudia, „komm, komm!“

Frauenfußball gilt als Lesbensport, vielleicht auch das ein Grund, warum er so wenig Anerkennung findet und sich so schlecht vermarkten lässt. In der Welt der Werbung kommen lesbische Frauen nicht vor. Tina Theune-Meyer schätzt in ihrer Diplom-Arbeit, dass 20 bis 40 Prozent der Fußballerinnen lesbisch sind. Na und, „warum soll man das wegreden?“, fragt Sarah Günther. Nur jene Fußballerinnen mag sie nicht, die breitbeinig gehen, sie findet es albern, dass „viele so maskulin tun“.

Einige Fußballerinnen imitieren die Männer bis in die Gestik hinein. Wenn sie ein Tor schießen, ziehen sie ihre T-Shirts hoch und lassen auf Sport-BHs blicken, oder sie ballen die Faust von unten zur Imponierpose. Auf Gunter Gebauer, der Professor an der Freien Universität ist und so etwas wie ein Sportphilosoph, wirkt dieses Gehabe „nicht nur komisch, sondern teilweise peinlich“. Frauenfußball sei nur dann gut, wenn er nicht eine schlappe Form von Männerfußball sei.

Soccer, der Softiesport

Wenn die Frauen die WM gewinnen, sagt Gebauer voraus, werde es ein Jahr lang eine Euphorie geben. Aber Fußball ist in Deutschland „stark männlich konnotiert, daran kann man in unserer Kultur nicht viel ändern“. In den USA, wo Frauenfußball äußerst populär ist, sieht man das offensichtlich anders. Dort, sagt Gebauer, gibt es einige „supermännliche“ Sportarten. Football und Baseball seien so hart, da wirke Soccer wie ein Softiesport.

Aber auch in den USA hat der Frauenfußball gerade eine Niederlage erlitten. Die Wusa, vor drei Jahren als erste Frauenfußball-Profiliga der Welt gegründet, zahlte den Spielerinnen pro Spielzeit 25000 bis 40000 Dollar und wurde von Time Warner mit 40 Millionen Dollar gesponsert. Doch sechs Tage vor Beginn dieser WM verkündete die Wusa ihre Pleite. Ironischerweise könnte das die Chance für den deutschen Frauenfußball sein: Einige Frauen, die zum Geldverdienen in die USA gegangen waren wie Birgit Prinz und Steffi Jones kommen wieder zurück.

Wären sie Männer, wären sie jetzt richtige Stars. Am Sonntag stehen sie – bis auf Jones, die verletzt ausgeschieden ist – im Finale. Das Spiel wird sogar live in der ARD übertragen. Sarah Günther kann es nicht gucken, denn sie wird im Bus sitzen und vom Auswärtsspiel in Duisburg zurück nach Hause fahren. Der DFB hat für den Tag ein Spiel angesetzt. Man glaubte wohl nicht daran, dass es für den Fußball ein interessanter Tag werden könnte.

Service

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

    Wohnen in Berlin

    Gewerbe- oder Wohnimmobilien: Große Auswahl an Immobilien beim großen Immobilienportal.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...