Zeitung Heute : Sturmläufe

ECKART SCHWINGER

Das finnische Pihtipudas Kvintetti im Meistersaal am Potsdamer Platz Obwohl das Ensemble schon seit einigen Jahren zu den ständigen musikalischen Gästen des sommerlichen Berliner Konzertprogramms zählt, dürfte sein Name einigen noch immer ein Rätsel sein.Was hat es mit dem für unsere Ohren so originell klingenden Namen auf sich? Ehe die fünfköpfige Truppe an der Spree in Erscheinung tritt, hat sie bereits den traditionellen Kammermusikkurs in Pihtipudas bestritten, jener Gemeinde in Mittelfinnland, die dem Ensemble seinen Namen gibt, in der zugleich die alljährlichen "kultuuripäivät" stattfinden, zu deutsch die Kulturtage, deren musikalische Veranstaltungen von dem Berliner Konzertmeister Götz Bernau geleitet werden. Und der sitzt dann auch am ersten Geigenpult eben dieses weiterhin ausschließlich mit finnischen Musikern besetzten Pihtipudas Kvintetti.Mit schönem Erfolg hat es nun das Abschlußkonzert des III.Festivals der Europäischen Musik im Meistersaal am Potsdamer Platz bestritten.Dabei waren wieder im ersten Konzertteil am Flügel Ella Untamala, im zweiten Jaakko Untamala mit individuellen Gestaltungsfähigkeiten zu erleben. Das sonst so gern auch mit neueren oder vergessenen Werken überraschende Ensemble spielte diesmal das Brahms-Klavierquintett op.34 f-Moll und das Dvo«rák-Klavierquintett op.81 A-Dur.Dabei brachte das im Konzertsaal nicht oft zu hörende Quintett des tschechischen Meisters nicht auf Anhieb eine Erfüllung.Bei der ziemlich langen Einspielphase, die uns die Musiker aus Finnland bescherten, mißlang ihnen jedoch einiges.Vor allem die Homogenität ließ in den ersten beiden Sätzen viele Wünsche offen.Auch die Intonation wirkte bisweilen mulmig.Aber das emotions- und farbgesättigte Spiel sprach immer besser an.Der Furiant wurde mobilisierend prägnant hingesetzt und machte schließlich auf den Brahms neugierig.Und mit dem traf das Pihtipudas Kvintetti ins Schwarze.Den jungen Brahms mit seiner ganzen eruptiven Kraft, seiner Ausdrucksmacht hatte es voll im Griff.Da wirkte im Gegensatz zum Dvo«rák nichts verschleiert oder gar verschlampt, wurden die heftigen kompositorischen Prozesse mit klirrender Klarheit zutage gefördert. Das entfesselte Scherzo besaß beinahe schon die Wildheit eines Béla Bartók-Allegros! Und auch im Finale versiegten die spielerischen Energien keinesfalls, kamen aber auch die bei Brahms nach all den dramatischen Sturmläufen immer wieder überraschend heiteren, tänzerischen Klangbilder zum Durchbruch.Gleichwohl verdeutlichte das Pihtipudas Kvintetti sehr anschaulich, daß bei diesem ekstatischen jungen Brahms stets jener genialische konstruktive Geist im Spiel ist, den Arnold Schönberg so sehr an Johannes B.bewunderte.ECKART SCHWINGER

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