Zeitung Heute : Sturmtiefen

Überlebende stehen bis zu den Knien im Wasser, Reisfelder sind zerstört, überall liegen Tote, Matratzen, Hosen: Birma nach dem Sturm. Die Menschen brauchen Hilfe, doch die Regierung lässt die Helfer immer noch an der Grenze warten.

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Überall Leichen, die Straßen sind voll von ihnen und ganze Dörfer ausgelöscht, sagt eine Frau.

„Wir versuchen, Visa zu bekommen, aber die Regierung lässt noch keine ausländischen Helfer rein. Unsere Anträge sind von der Botschaft abgelehnt worden“, sagt der Mann vom Roten Kreuz.

Birma, Tag drei nachdem die gewaltigen Wellen kamen. Sie haben eine beispiellose Verwüstung hinterlassen, vor allem in den Landgebieten des Irrawaddy- Deltas. Die Gegend, Reiskammer Birmas, war dicht besiedelt. Es gab Arbeit und Essen. Die Felder und Fischgründe versorgten auch den Rest des Landes. Jetzt brauchen die Menschen im Delta Hilfe. Viele, die überlebten, hocken abgeschnitten von der Außenwelt irgendwo auf einem doch trocken gebliebenen Flecken und warten. Helikopter-Aufnahmen in Birmas Staatsfernsehen zeigen Landstriche, auf denen vor lauter Wasser kaum zu erkennen ist, wo Flüsse sind und wo Land. Straßen sind nicht mehr zu sehen. Auch nördlich des Deltas sind viele Gegenden überschwemmt.

Überlebende stehen bis zu den Knien im Wasser vor den Resten ihrer Häuser, meist Betongerippe ohne Dächer. Sie suchen unter Trümmern nach den Leichen Angehöriger. Über Ästen von entwurzelten Bäumen, die überall herumliegen, hängen Matratzen, T-Shirts und Hosen, um zu trocknen. Eine Frau steht stumm da, sie wiegt ihr Kind im Arm und schaut ratlos in die Kamera des Staatsfernsehens.

Labutta und Bogalay waren zwei Städte im Irrawaddy-Flussdelta, die 40 Kilometer vor der Küste und doch nicht weit genug vom Meer entfernt lagen. Das Land ist flach, teilweise liegt es tiefer als der Meeresspiegel. Auch ohne Katastrophe waren hier die Grenzen zwischen Inseln, Seen und Land nicht immer deutlich.

Die Bewohner, vor allem Reisbauern, Fischer, ihre Frauen und Kinder, lebten an einem der sieben mächtigen Ströme, die Birmas Südküste zerfransen. Die Flüsse schlängeln sich vom Norden herunter und münden in den Indischen Ozean. In der Nacht zum Samstag, es muss so gegen zwei Uhr in der Frühe gewesen sein, kam das Wasser plötzlich von Süden. Drei Meter und höher seien die Wellen gewesen, die er durchs Land getrieben hat, sagen Augenzeugen. Er, „Nargis“, der erste Zyklon der Wirbelsturmsaison 2008. Mit Spitzengeschwindigkeiten von 215 Stundenkilometern ist er auf seinem Weg vom Meer über das birmesische Festland hinweggegangen. Zigtausende Menschen verloren ihr Leben und eine Million ihr Obdach. Der Zyklon peitschte über die Ströme und schob Wellen vor sich her.

In der Wirtschaftsmetropole Rangun gab es lange keinen Strom und kein Wasser. Viele Obdachlose sind in Schulen geflüchtet. Hunderte Menschen schlafen da auf dem Boden. Zivilisten und Mönche sind mit bloßen Händen im Einsatz, um den gröbsten Schutt zu beseitigen. Sie warten auf die ausländischen Hilfsorganisationen. Am Dienstagabend meldet Birmas Regierung, es habe landesweit 22 000 Tote gegeben, 41 000 weitere Menschen gelten als vermisst.

Dass alles so kam, liegt an einem Naturereignis oder aber an der Militärregierung Birmas. Je nach Sichtweise.

Selbst in den USA waren die Behörden überfordert, als der Hurrikan Katrina vor drei Jahren Tod und Verwüstung brachte. Aber Regierungen können vor Desastern warnen.

Das Regime in Birma gerät nun unter Druck, der vorerst noch vor allem aus dem Ausland kommt. Aus Washington, zum Beispiel oder aus einem Osloer Redaktionsbüro. Dort sitzt Khin Maung Win an einem Schreibtisch und telefoniert viel. Er ist jetzt sehr gefragt. Win ist Redakteur des oppositionellen Fernsehsenders „Democratic Voice of Burma“ mit Sitz in Oslo. Der Sender hat nach eigenen Angaben seine Reporter in Birma, die undercover arbeiten wie die meisten Kollegen, über die noch Informationen ins Ausland gelangen.

Win sagt, er habe Informationen, dass in seinem Heimatdorf nur sechs Menschen den Zyklon überlebt hätten. „Das Land hat mit 400 000 Soldaten die größte Armee in der Region.“ Die Regierung habe von der Gefahr gewusst. „Es gab aber keinen Evakuierungs- oder Rettungsplan.“ Es ist in etwa das, was Laura Bush, die Gattin des US-Präsidenten, am Montagabend deutscher Zeit in die Fernsehkameras spricht. Die Junta habe die Menschen im Irrawaddy-Delta und in Rangun nicht gewarnt. Ihre Worte werden live in viele Länder gesendet. In Birma selbst allerdings ist davon wenig zu erfahren. Es sind nur ein paar ausländische Berichterstatter im Land: von CNN, Al Dschasira, einigen Nachrichtenagenturen. Es gibt nur wenig Video-Material, und das zumeist nur aus Rangun. Der Fernsehredakteur Khin Maung Win sagt, im Moment noch seien die Menschen damit beschäftigt, ums Überleben zu kämpfen. Aber die in den weniger betroffenen Regionen seien sehr wütend.

Wie die Regierung auf Hilfsangebote reagiert, wird diese Wut nicht mildern.

„Wer aus dem Ausland hierher kommen möchte, muss mit dem Außenministerium verhandeln“, sagt General Maung Maung Swe am Dienstagmorgen.

„Wir sind sehr dankbar für Assistenz von befreundeten Staaten“, sagt General Kyaw Hsan, der Informationsminister. Das heißt, er lehnt die Hilfe von USA und EU ab. Denn dort hat das Regime keine Freunde. Selbst UN-Mitarbeiter, sonst willkommen in Birma, warten bislang vergeblich auf Visa. Von Bangkok aus wollen fünf Helfer nach Birma fliegen. Sie dürfen bisher nicht einreisen. „Sauberes Trinkwasser und Unterkünfte sind vor Ort am dringendsten nötig. Ohne sauberes Wasser wird die Gefahr von Seuchen zur größten Sorge werden“, sagt UN-Sprecher Richard Horsey in Bangkok. Und auch Bernd Schell, Regionaldelegierter Südostasien des Deutschen Roten Kreuzes, hat bisher vergeblich versucht von Bangkok aus nach Birma einzureisen. Keine Visa. „Unsere Anträge sind von der Botschaft abgelehnt worden.“ Über die Situation im Landesinneren wisse man kaum etwas. Inzwischen seien erste Erkundungstrupps aus Birma im Land unterwegs. Wann die Regierung die Hilfsgüter ins Land lasse, sei aber eine andere Frage. „Wir müssen optimistisch sein“, sagt Schell. Er klingt etwas bitter.

Roland Hansen kann das nachvollziehen. Er leitet von einem Kölner Büro aus den Einsatz der Malteser in Birma, er ist für ganz Asien zuständig. Er hat gerade eine Mail bekommen, von einer Mitarbeiterin, die mit ihrem Mann und ihrem Baby in Rangun ist. Ihr Haus hat nun weder Strom, noch Wasser, noch ein Dach. Zweimal am Tag schmeißt sie in ihrem kleinen Malteser-Büro den Generator an, um nach Köln zu telefonieren und E-Mails zu verschicken und die lokalen Mitarbeiter im Land zu koordinieren. Für alle anderen Arbeiten braucht sie die Genehmigung der Behörden. Die nächste Genehmigung, um Menschen zu helfen, erste medizinische Hilfe zu leisten oder auch nur zu reden um zu erfahren, was sie benötigen, hat sie für Montag. Und das Benzin reicht nicht mehr lange.

In der Gegend um Rangun können sich nur die 32 einheimischen Mitarbeiter frei bewegen. Sie leisten medizinische Hilfe, so gut es eben geht, und verteilen Regenwasser aus 22 000-Litertanks, die sie in den vergangenen Jahren für Schulen gebaut haben. Sie sprechen mit den Dorfältesten um Daten zu bekommen, unabhängig von den Behörden. Wie viele Tote gibt es? Wer wird vermisst, wie kann man den Betroffenen helfen?

Die Lage ist gefährlich für die Militärregierung. Gelingt es ihr nicht, die Menschen in der verwüsteten Sechs-Millionen-Metropole Rangun mit dem Nötigsten zu versorgen, könnte es dort wieder unruhig werden. Sieben Monate erst ist es her, dass dort die Demonstrationen der Mönche blutig niedergeschlagen wurden. Und Birmas Junta wird nur von etwa 15 Prozent der Bevölkerung unterstützt, überwiegend von jenen Familien, die der Staatsapparat ernährt. Alle anderen Bürger haben Schwierigkeiten, wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Dafür machen sie die Militärregierung verantwortlich, die seit 46 Jahren die absolute Macht im Land hat.

Und nun haben die Generäle, die sich gerne als Beschützer der Nation geben, ihr Land nicht beschützen können. Im abergläubischen Birma ist ein Sturm nicht einfach eine Naturgewalt. Viele Menschen glauben, der Zyklon sei eine Strafe dafür, dass die Regierung während des Herbstaufstandes Mönche getötet hat. Und es gibt ihnen zu denken, dass der Zyklon ausgerechnet eine Woche vor dem Verfassungsreferendum zuschlug, mit dessen Hilfe das Militär sich durch garantierte Parlamentssitze auf alle Zeit in der Politik breit machen möchte.

Skrupel sind wohl nicht zu erwarten. Wenn die Angaben einer birmanischen Menschenrechtsorganisation stimmen, gab es am Wochenende im Gefängnis Insein in Rangun einen Massenmord. In den frühen Morgenstunden des 3. Mai hätten Gefängniswärter wahllos auf 1500 Häftlinge geschossen, die Schutz vor dem Wirbelsturm forderten. Sagt Bo Kyi. Er ist Sprecher der „Assistance Association for Political Prisoners in Burma“, kurz AAPPB. Es seien 36 Häftlinge getötet und mindestens 78 verletzt worden. Kyi ist selbst ehemaliger politischer Gefangener. Die AAPPB gilt international als zuverlässige Quelle in Birma. Die Häftlinge, sagt Bo Kyi, hätten aus Panik Feuer gelegt, in der Hoffnung, sich so vor dem Wirbelsturm in Sicherheit bringen zu können.

Mitarbeit: Achim Fehrenbach, Steffen Kraft, Marc Neller, Katrin Zeug

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