Zeitung Heute : Sturz in den Leib

KERSTIN DECKER

Hongkong-Tango: Wong Kar-wais "Happy together"VON KERSTIN DECKERVielleicht haben sich Wong Kar-Wais Bilder nur zufällig zu Filmen zusammengetan.Stilleben der Einsamkeiten sind das.Kar-Wai kommt aus Hongkong, einer Stadt, durchpulst von Kapital- und Informationsströmen.Und diese sich selbst genügende ungeheure Lebendigkeit umgibt sich noch immer mit Menschen, aus Sentimentalität vielleicht, nimmt sie als Ornament für die Straßen.Wenn dieses rasend künstliche Leben Wahrnehmung hätte - es würde auf das armselige, bedürftige Dasein des Menschen wohl genauso schauen wie Kar-Wai ("Chungking Express", "Fallen Angels"). Sein Blick, das sieht man, kommt von woanders her.Natürlich müssen diese Bilder sich zu Filmen weben - nicht wegen der Handlung (Handlungen sind eine Fiktion des Menschen), nein, wegen der hämmernden Geschwindigkeit des Daseins.Niemand fotografiert so wie Kar-Wai (genauer: sein Kameramann Christopher Doyle) eine Paßkontrolle - als ungeheure Verdichtung, beinahe Exekution.Niemand wie er einen Beischlaf, als fassungsloses Hineinstürzen in den anderen Leib.So beginnt "Happy together". Lai (Tony Leung) und Ho (Leslie Cheung), zwei junge Männer kommen nach Argentinien.Es muß ja nicht immer Hongkong sein, im Augenblick wohl schon gar nicht.Lai und Ho wollen ihre Liebe retten in dem fremden Land und verlieren sie doch schon in den ersten Tagen."Seit ich dich kenne, bereue ich, so sehr, daß ich es kaum aushalte." Also versuchen Lai und Ho es allein.Lai als Türsteher in einer Tangobar, Ho mit anderen Männern.Und immer ist es, als ob der Mensch, einfach der nächste, der letzte wäre, an den man sich jetzt noch festklammern könnte oder untergehen.Irgendwann ist Ho wieder da, blutig, zerschlagen.Wiederannäherungen und -abstoßungen.Leslie Cheung und Tony Leung spielen das mit einer irren Intensität in einem scheußlichen kleinen Zimmer, wo Tapeten voller fauliger Ranken von den Wänden blättern und sich den Schlafenden in die Träume winden.Die Riesenkaros darunter verderben gleich mit. Allein für diese Tapeten, wie von Generationen von Selbstmördern erdacht, hätte man "Happy together" einen Ausstattungs-Preis geben müssen.Er bekam einen anderen, den für die beste Regie in Cannes dieses Jahr."Happy together" hat nicht mehr das Tempo der beiden Hongkong-Filme, überläßt sich ganz der Schwermut des Tangos.Aber Kar-Wai borgt den Tango nicht aus (wie soviele andere), sondern stellt seinen Rhythmus selbst her im Fließen der Bilder.Er klingt jetzt eigentümlich trostlos und fremd.Dieser Film scheint aus lauter Fasern zu bestehen, mal liegengelassen, mal lose fortgewebt, mit sich verlierenden Enden."Happy together" ist ein Laboratorium der Einsamkeiten.Lauter versprengte Splitter von Nähe.Sie sind so fein vielleicht wie der Wasserstaub, der unbewegt über einem vernichtend niederbrechenden grenzenlosen Blau steht.Immer wieder sehen wir diesen Wasserfall, ein Sehnsuchtsbild von Auslöschung und gleichgültiger Erlösung."Happy together": kompromißlos hermetisch, abweisend, rauh - und schön. Filmkunst 66, Kant, Nord, Yorck, Central, Babylon B (OmU)

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