Zeitung Heute : Sturz in die Zeit

KERSTIN DECKER

T-Shirt, Größe XXXXXL: "All over me" von Silvia und Alex SichelVON KERSTIN DECKERDas Bett direkt vorm Fenster, im kleinen Zimmer.Alles, was einfach und schön war, vierzehn oder fünfzehn Jahre lang, die ersten, die längsten - hier ist es.Es ist der einzige Ort von Geborgenheit in diesem Film.Wo die Mädchen Gitarre spielen.Wo sie ganz dicht beieinander schlafen.Ellen schläft oft bei Claude.Ellens Welt schmeckt nach Claude, Claudes Welt schmeckt nach Ellen.So war es immer, so wird es immer sein, und im Sommer gründen beide eine Band.Wenn Ellen sich nur mehr konzentrieren könnte beim Üben! Aber es gibt da etwas, davor hat Claude Angst.Ein Name: "Marc".Und je mehr Angst sie hat, desto häufiger kommt er vor: "Marc".In einfachen, schönen Bildern haben die Schwestern Alex und Sylvia Sichel einen schönen, einfachen, unendlich komplizierten Film gemacht, ihren ersten langen.Alex Sichel (Regie) kommt vom Kino, Sylvia (Drehbuch) mehr vom Theater, und beide stammen aus der New Yorker Independent-Szene.Bei etwas grober Gesinnung könnte man sagen, "All over me" handelt von lesbischer Liebe.Eigentlich aber erzählt der Film die Geschichte eines Verlusts. Kindsein spürt man nicht.Wirkliches Glück irgendwie auch nicht.Es ist Gegenwart, gerade so wie Kindsein.Unglück ist Sturz in die Zeitlichkeit.Genau wie Erwachsenwerden.Vielleicht ist ja beides dasselbe, nur die meisten merken das nicht? Claude aber spürt es, sieht die Risse wachsen mitten in der Ewigkeits-Gegenwart, fällt in die Zwischenräume, in den Schmerz.Sie sieht sich plötzlich von außen und mag nicht, was sie da sieht.Dabei heißt Erwachsenwerden: diesen Anblick aushalten. Wie die junge Alison Ford das spielt, diese Fremdheit im eigenen Leib, den sie am liebsten mit XXXXXL-T-Shirts verhängt! Und dazu dann dieses plötzliche Lachen, ein Kinderlachen noch.Gibt es eigentlich ein anderes? Liebe macht alt.Alter ist eine Frage der Distanzen, die man aushält.Claude, vierzehn oder fünfzehn, ist viel älter als ihre Mutter, der sie morgens das Frühstück macht, wenn sie wieder zuviel getrunken hat.Für die sie einkauft.Der sie das Kleid für den Abend aussucht.Aber hier stößt es nicht ab.Mit einem Blick begreift man die Misere dieser Frau, die ihre Tochter liebt, nur nicht so stark ist wie sie. Auch Ellen (Tara Subkoff) ist schwach.Schmal, sehr blond, sehr verliebt in Marc, ein junges rohes Schwein."Frauen fliegen auf Faschisten", hat Sylvia Plath einmal gesagt.Frauen, Mädchen wie Ellen.Sie lieben den, der sie vernichtet - und Claude, die erwachsene Claude mit dem Kinderlachen, fängt die Freundin auf.Wieder bleibt sie die Nächte bei ihr, alles ist wie früher.Gar nichts ist wie früher.Die "Röntgenaufnahme einer Mädchenfreundschaft" wollte Silvia Sichel machen.So ist es. Broadway, Filmbühne Wien, Odyssee; Babylon (OV)

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