Zeitung Heute : Stuttgarter Hochamt

Beim Dreikönigstreffen besann sich die FDP auf christliche Werte – aber das hatte weniger mit Religion zu tun als mit Resignation

Robert Birnbaum[Stuttgart]

Schon gut für Guido Westerwelle, dass es in Stuttgart diese Hand voll Jungsozialisten gibt. Draußen vor dem Staatstheater hat einer gestanden mit einem roten Juso-Überhemd und einer blonden 70er-Jahre-Langhaarmähne, und jetzt sind es drinnen in dem historischen Theatersaal gleich mehrere, die im obersten Rang ein Plakat zeigen und Flugblätter nach unten regnen lassen („Ich bin faul und arbeitslos“) und im Chor drei Mal lautstark „FDP helau!“ rufen. Vorne auf dem Podium erklärt gerade der baden-württembergische Landeschef Walter Döring selbstironisch nach Ländleart den Liberalismus – „Schluss mit diesen platten, populistischen Sprüchen – ich mein’ jetzt den Schröder!“. Döring lässt sich von dem Chor im Rang nicht stören. Aber sein Bundesvorsitzender hat das Plakat gelesen, und er wird später, als die Polizei die Jung-Sozen längst aus dem Haus komplimentiert hat, seinen Witz daran erproben. „Wider dem tierischen Ernst“ stand auf dem Plakat. „Die Pisa-Opfer sind unter uns“, stöhnt Westerwelle. Schon praktisch, so ein Fleisch gewordenes Feindbild.

Nur ein bisschen schade, dass es das Feindbild von gestern ist.

Vielleicht liegt das ja an dieser speziellen Atmosphäre? Seit fast 140 Jahren trifft sich der organisierte Liberalismus in Stuttgart, tanzt am Vorabend auf dem Dreikönigsball in der alten Reithalle und hört sich am Dreikönigstag drei Stunden lang geduldig Reden an im Plüschbarock des Staatstheaters. „Ich grüße die liberale Glaubensgemeinschaft“, hat Cornelia Pieper gesagt. Generalsekretärinnenmund tut bisweilen Wahrheit kund. Dass Westerwelle zur vordringlichen Aufgabe der FDP eine Wertedebatte erklärt, dass er nächst der Freiheit die Nächstenliebe als liberale Tugend reklamiert und freudig zustimmend aus dem Reformpapier der deutschen Bischöfe zitiert – es fehlt nicht viel zum Hochamt. Nur ein bisschen schade für den Hohepriester, dass er draußen im Lande im Moment eher weniger Publikum findet.

Übrigens ist das ja der Grund dafür, dass Westerwelle sich so hingebungsvoll als Werteprediger betätigt. Es bleibt ihm kaum anderes. Abends beim Ball, nach dem dritten Tanz und dem dritten Bier, haben das Spitzenliberale durchaus freimütig eingeräumt. „In mageren Zeiten“, sagt ein Landeschef, „ist nichts mit Profilierung.“ Im vorigen Jahr haben sie hier an der gleichen Stelle noch heftig bestritten, dass die Zeiten mager seien. Es sei doch, lautete damals die Parole, genau das Zeitalter der FDP angebrochen, jetzt, wo alle anderen endlich auch von Reformen redeten.

Zwölf Monate später ist der trotzige Zweckoptimismus einer nachgerade buddhistischen Gelassenheit gewichen. Nicht, dass nicht Westerwelle an der Ball-Bar in einer längeren Strafpredigt all jene scharf des Irrtums zeihen würde, die die ketzerische Meinung vertreten, die Reform-Glaubensgemeinschaft FDP sei angesichts des neuen reformatorischen Bekenntniseifers von Gerhard Schröder, Angela Merkel und Edmund Stoiber in Gefahr, zur unbedeutenden radikalen Sekte im Schatten der Großkirchen zu werden. Aber das Glas Rotwein und die Zigarre in Westerwelles Händen verraten mehr über seinen Gemütszustand als die vielen Worte. Es ist das erste Dreikönigstreffen seit dem Tod von Jürgen Möllemann. Keiner von den anderen lässt sich zu den an sich üblichen spitzen Bemerkungen gegen den Vorsitzenden verlocken.

Die FDP, im Frieden mit sich? Ach nein, eher in resigniertem Realismus. Im nächsten Jahr, sagt ein erfahrener Freidemokrat, wird die FDP fast keine Rolle spielen. Sie wird magere Wahlergebnisse als Erfolge verkaufen müssen. Sie wird aber nicht untergehen. „Unsere Zeit kommt wieder“, sagt unser Gewährsmann. Die CDU wird nicht weiter in den Umfragen abheben, die SPD nicht im demoskopischen Nichts versinken. Es werden wieder Wahlen kommen, in denen ein Partner FDP gebraucht wird. Angela Merkel hat Westerwelle in der Nacht im Vermittlungsausschuss um 22 Uhr 30 das Du angeboten. Die CDU-Chefin ist sonst sehr sparsam mit Vertraulichkeiten. Diese Woche reden beide wieder einmal über die Bundespräsidentenfrage. Es ist das einzige Thema, bei dem die FDP 2004 so richtig wichtig sein wird. Alles andere: „Alle viere von sich strecken und gelassen tun“, beschreibt ein Landespolitiker die Überbrückungsstrategie. Hat die liberale Gemeinde die 18-Prozent-Erweckungspredigten also vergessen, den Rausch, den Traum von der Volkspartei, die nicht nur die Begriffe besetzen will, sondern die Parlamente? Nicht alle, sagt ein Präsidiumsmitglied, mögen die Nüchternheit: „Entzugserscheinungen sind das Schlimmste.“

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