Stylisten : Zwirbeln, knoten, krempeln

Designer entwerfen die Mode, Stylisten sorgen dafür, dass die Kleider auf dem Laufsteg und auf Fotos richtig kombiniert sind und ein aussagekräftiges Umfeld bekommen.

Franziska Klün

Schlafen ist gerade eh nicht mein Ding“, sagt Markus Ebner am Telefon und klingt dabei äußerst gut gelaunt. Es sei überhaupt kein Problem, später, wenn er Zeit hat (sprich nachts) zu überlegen, welches Foto seine Sprache als Stylist gut demonstriert.

Markus Ebner gilt als einer der gefragtesten deutschen Stylisten. Er lebt in Berlin und Paris. Sein Tagessatz: 800 bis 2500 Euro. Gerade ist er zurück von den Schauen aus Mailand, jetzt bereitet er als Modechef die Michalsky Style Nite für Freitagabend im Friedrichstadtpalast vor. Da bleibt für Schlaf nicht viel Zeit. Doch Ebner mag seine Arbeit, die hält ihn auch ohne Nachtruhe bei Laune: „Jeder Stylingjob ist wie eine kleine Reise, auf die man geht.“

Denn jeder Auftrag ist anders. Stylisten werden für das Ankleiden von Models für Schauen, Modeprospekte und Lookbooks gebucht. Den größten Anteil eigener Fantasie kann ein Stylist wohl bei Fotostrecken für Magazine einbringen. Da gibt das Blatt in der Regel lediglich das Thema vor. Die Interpretation liegt in den Händen von Fotografen und Stylisten. Zusammen überlegt man, wie das Thema auf den Bildern kommuniziert werden könnte: Was für ein Model braucht man? Welcher Ort würde passen? Die Kleiderauswahl folgt als letzter Vorbereitungsschritt.

Am Ende möchte Markus Ebner, dass die Bilder Geschichten erzählen: „Gutes Styling kann im Foto eine Spannung erzeugen.“ Darum hat er als Bebilderung für diesen Text das Foto mit der Frau im weißen Kleid gewählt: „Dieses Bild ist geheimnisvoll.“ Die Kleidung des Models passt eher zu einem offiziellen Anlass und steht in starkem Kontrast zu dem schönen, aber abgenutzten Ambiente: „Als Stylist versuche ich, Gegensätze zu schaffen.“

Markus Ebner hat am Fashion Institute in New York studiert und arbeitete dann einige Jahre für eine Modenschau-Produktionsfirma, bis er als Modechef des New Yorker Männermodemagazins „Details“ mit Styling anfing. 2003 gründete er die Modezeitschrift „Achtung“, um mit deutschsprachigen, jungen Fotografen eine neue Bildsprache zu entwickeln.

Auf jeder in Paris aufgenommenen Fotostrecke ist der Eiffelturm zu sehen, denn der steht für französische Eleganz. „Ich möchte beweisen, dass Berlin, Wien, München und Zürich auch urbane Hintergründe bieten, die Eleganz demonstrieren.“ Dem Altmeister der deutschen Modefotografie, F. C. Gundlach, zufolge, dessen Bilder derzeit in einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind, ist Markus Ebner mit seiner Zeitschrift auf dem richtigen Weg. Für Gundlach sind in der „Achtung“ die derzeit interessantesten Modestrecken zu finden.

Wer was als modisch interessant interpretiert, hängt natürlich immer vom Blatt und seinen Lesern ab. Darum ist bei jedem Job Schritt eins die Recherche: „Um was für ein Magazin handelt es sich, wie ist dessen Bildsprache, wer wird angesprochen?“, sagt Julia Freitag. Die Mittdreißigerin arbeitet seit 13 Jahren in der Mode und seit zehn Jahren als Stylistin. Sie war Modechefin bei der deutschen „Glamour“ und anschließend bei „Vanity Fair“. Nach der Einstellung des Blattes machte sie sich selbstständig.

Eine ihrer Grundregeln lautet, den eigenen Geschmack auch hintanstellen zu können. Ihr Markenzeichen: „Ich knote, zwirble, kremple.“ Bei Stylings mag sie vor allem Brüche und Störfaktoren. Das Berliner Straßenbild dient dabei als große Inspiration: „Die besten Ideen schaue ich mir bei Leuten ab, denen gar nicht bewusst ist, dass sie Mode tragen.“ Seien es die Techniken, wie eine Türkin ihr Kopftuch bindet oder Kleiderkombinationen besonders skurriler Personen.

„Ich finde es spannend, zu welchen kreativen Mitteln die Menschen mitunter auch aus Geldnot greifen“, sagt Freitag. Sie selbst hat Mode schon immer als spielerische Kommunikationsmöglichkeit begriffen. Lange bevor sie am Lette-Verein Modedesign studierte, entdeckte sie ihre Leidenschaft für Tragbares. Zunächst waren es Kleider für die Barbiepuppen, später für sich selbst. Wenn sie zu Schulzeiten die Klasse betrat, riefen die Mitschüler oft: „Schaut mal, bei Julia ist heute wieder Fasching.“ Sie ließ sich davon nicht irritieren.

Ganz so geradlinig war Yilmaz Aktepes Werdegang nicht. Heute zählt ihn „Gala“-Modechef Marcus Luft zu einem seiner Lieblingsstylisten: „Diesem Mann gibt man ein Stichwort, und er erzählt gleich eine ganze Geschichte.“ Dabei wollte Aktepe ursprünglich Literaturwissenschaften studieren, „aber ich habe meine Klappe nicht halten können“, sagt der 43-jährige Hamburger. Das war, als er einigen befreundeten Stylisten bei der Arbeit half, während er auf seinen Studienplatz wartete und allen immer wieder Ratschläge erteilte. Jemand erkannte Aktepes richtigen Blick, und es kam eins zum anderen. „Lernen kann man diesen Beruf nicht. Entweder man kann’s oder eben nicht“, sagt Aktepe.

Wenn er einen Jobauftrag erhält, sucht er als Erstes nach einem roten Faden. Er braucht etwas, das ihn festhält: „Ich nehme die Grundaussage, die gewünscht ist, und reize sie so weit aus, wie zielgruppenkompatibel.“ So hat er zum Modethemenklassiker Jeans aus einem großen Fundus Jeanshosen Haut-Couture-Kleider drapiert. Chef Marcus Luft war begeistert: „Es wäre so einfach gewesen, wieder das Jeans-Rockband-Klischee auszugraben und neu zu interpretieren.“ Zum richtigen Auge gehört eben auch die richtige Fantasie.

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