Zeitung Heute : Subjektiv verständlich

Schreiben über Kunst – von der Theorielastigkeit zur Klarheit

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Ein Bild lässt sich nicht trinken. Es schmeckt auch nicht besonders. Aber wenn man darüber reden möchte, was Kunst im Innern auszulösen vermag, bewegt man sich auf ähnlich vermintem Terrain wie der Weinkritiker: Beide Male gilt es, verständliche Worte für eine subjektives Erlebnis zu finden. Auch wenn die Himbeere in der Kunst nicht am Gaumen, sondern höchstens in den Gemälden von Jeff Koons explodiert.

Von einer „im Mund hergestellten Welt“ hat der Kunsttheoretiker Wolfgang Max Faust einmal gesprochen und damit scheinbar die Gemeinsamkeit von Kunst und Wein herausgearbeitet. In Wahrheit schimpft er in seinem Buch „Dies alles gibt es also“ (1993) über die ausufernde Theorieszene der achtziger Jahre. Sie kreise „autistisch durch die Hirne“, erteile Denkverbote und gebe vor, was richtig sei. Stichwort: Kontext und Diskurs. Beide Vokabeln schwirrten auch zehn Jahre später noch durch die Kunstkritik. Wann immer einer besonders klug über selbst gezimmerte Cocktailbars in Galerien oder stundenlange Video-Interviews reden wollte, hieß es: Achtung, Kontextverschiebung! Die Bar als historische Überlagerung einer Öffentlichkeit im repräsentativen Raum. Wer das nicht begreift, ist selbst Schuld.

Hilfe bei der Interpretation haben schon viele gegeben. Gern erinnert man sich an die „Buergel-Maschine“, die 2007 Mitarbeiter eines Literatur-Magazins im Internet konstruierten, nachdem sie zu viele Zitate des damaligen Documenta-Leiters gelesen hatten. Buergels Sätze wurden mit Äußerungen des Kunst- und Ästhetikprofessors Bazon Brock und zahlreichen Formulierungen aus deutschen Feuilleton gemixt, und schon ging es los. Da war vom „Brüchigen der Gegenwart als Erfahrung radikaler Kontingenz“ die Rede. Das ist gemein, trifft aber den Kern: So wird Kunstkritik zur kalten Buchstabensuppe.

Schlimm ist auch das andere Extrem. Kritiken, in denen „die Sinne Funken sprühen“ und Bilder so farbig geschildert werden, dass man das Original anhand des Textes niemals erkennen wird. Da gibt es „drängende Formen“ oder die „wechselseitige Durchdringung von Flächen und Linien“. Farbe tönt, schluchzt, wimmert – und man fragt sich, wie das eigentlich aussehen soll.

Knapp zehn Jahre vor der „Buergel-Maschine“ hat Eva S.-Sturm ihre Untersuchung „Im Engpass der Worte“ veröffentlicht. Das Buch ist „für Klaus“, so steht es in der Widmung. Und für alle Menschen, „die sich privat oder beruflich zu künstlerischen Arbeiten äußern“, ergänzt der Klappentext. Wer es kauft, der sieht sich als „Sprechwesen“ plötzlich eingepfercht zwischen Lacan, Bourdieu und anderen Theoretikern. 350 Seiten über „Sprechende Qualitäten“, „Sprecharbeit“ und „Versprechungen“. Spätestens beim Wort Diskurs in Sturms Kapitel über „Monstren“ denkt man: „Wie wahr, da ist schon wieder das verbale Ungeheuer!“ Und wendet sich doch lieber Autoren zu, die selbst ständig Kunst rezensieren.

Der Kritiker Jörg Heiser tut das in internationalen Kunstmagazinen. Und er hat das Buch „Plötzlich diese Übersicht: Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht.“ geschrieben. Oder Hanno Rauterberg, der hat sogar eine Akademie für Kunstkritik gefordert, um das Chaos der Stile und Methoden zu entwirren. Keine schlechte Idee. Auch wenn es beim Wein wie bei der Kunst am Ende die einzige Wahrheit nicht gibt. Christiane Meixner

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