Zeitung Heute : Suche nach dem authentischen Werk

Im 19. Jahrhundert bekam ein Sammler in Holland noch einen Rembrandt geschenkt. Inzwischen zahlt man Millionenbeträge. Doch viele Bilder stammen gar nicht aus der Hand des Meisters

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Von Matthias Thibaut Der Maastrichter Altmeisterhändler Robert Noortman sitzt nicht mehr auf seinen Platz, als Los 52 zum Aufruf kommt. Dezember 2000. Christie’s versteigert in London Rembrandts Ovalbildnis einer „Alten Frau von 62 Jahren“, gemalt 1632, als die Karriere des Leidener Malers ihren großen Aufschwung nahm. Der vergilbte Firnis ist abgenommen worden. Sammler und Händler bekommen bei der Vorbesichtigung vor Begierde feuchte Augen. Ein so guter Rembrandt war seit Jahrzehnten nicht mehr auf dem Markt.

„Fangen wir mit zwei Millionen an“, ruft Auktionator Lord Hindlip. Als der Preis an neun Millionen Pfund vorbeizieht, steigt der Händler Johnny van Haeften ein, umringt von den Koryphäen des Londoner Altmeisterhandels. Dann bietet Alfred Bader aus Milwaukee, ein Chemiker, der Kunsthändler wurde und mehr Rembrandts durch seine Hände gehen ließ als jeder andere. Aber es ist der steinreiche Noortman, der das Gemälde mit verstohlenen Winkzeichen aus dem Nebenraum ersteigert. Für 19,8 Millionen Pfund – 64 Millionen DM. Nie ist Rembrandt so teuer gewesen.

Der Londoner Händler George Barker kam noch günstiger an seinen Rembrandt. Irgendwann zu Anfang des 19. Jahrhunderts, geht die Legende, verpasste er in Holland das Boot zurück nach England und musste bei einem Bauern übernachten. Morgens sah er in der Kammer das Bild eines Kindes, prüfte es und fand, dass es sich um einen Rembrandt handle. Ob er das Bild noch brauche, fragte er den Bauern beim Frühstück – und bekam es geschenkt.

„Titus, Rembrandts Sohn als Kind“, wie das Bild heute heißt, landete später in der Sammlung des Lord Spencer. Rembrandt erlebte damals seine erste Hochpreisphase. In England hatte sich ein schwungvoller Handel mit der Kunst durch Revolution und Krieg verarmter europäischer Aristokraten entwickelt. 1807 verkaufte ein Händler namens Lafontaine die biblische Szene „Christus und die Ehebrecherin“, die er aus der Amsterdamer Six-Sammlung durch die Kontinentalsperre nach England geschmuggelt hatte, für 4000 Guineen oder 4200 Pfund an den Banker Angerstein. Es war ein absoluter Markthöhepunkt. Als Angersteins Sammlung 1824 zum Gründungsfundus der Nationalgalerie wurde, kostete das Bild immer noch 4000 Pfund. Doch die Talfahrt hatte begonnen.

„Bis 1860“, schrieb der Kunstmarkthistoriker Gerald Reitlinger in seiner „Ökonomie des Geschmacks“, „konnte man Rembrandts für unter 700 Pfund haben.“ Bayerns König Maximilian zum Beispiel hatte das Glück. Er bezahlte für das „Brustbild eines Orientalen“ (heute in der Alten Pinakothek in München) 375 Pfund.

Erst in der Gründerzeit ging es aufwärts. In Deutschland wurde Rembrandt zum Inbegriff germanischen Kunstschaffens verklärt, Engländer dagegen kauften ihre viktorianischen Zeitgenossen und ließen die Altmeister ziehen. So konnten der Kaiser und sein Berater Wilhelm Bode zwischen 1880 und 1910 nicht weniger als 15 Rembrandts kaufen – darunter 1897 bei Colnaghi in London auch den „Mann mit dem Goldhelm“, der gar kein Rembrandt war.

Wirklich teuer wurde es, als sich die Amerikaner einschalteten. 1909 verkaufte Lord Duveen den ersten Rembrandt für über 50 000 Pfund. Auch der einst Barker geschenkte Titus tauchte nun wieder auf. Lord Spencer reichte ihn 1915 für 60 000 Pfund an den Textilfabrikanten Francis Cook weiter. Doch Kriege und Wirtschaftskrisen lähmten den Markt. Erst in den sechziger Jahren kam wieder Schwung in die Preise. Das Startsignal gab das Metropolitan Museum, das 1961 dem Cleveland Museum 821 400 Pfund (2,4 Millionen Dollar) für „Aristoteles, die Büste Homers betrachtend“ bezahlte. Tage später standen in New York die Menschen in langen Schlangen vor dem Museum, um das teuerste Gemälde der Geschichte zu sehen. Natürlich war auch „Titus“ wieder dabei. Die Versteigerung 1965 endete in einem Krawall, weil der Auktionator die Bietsignale des Sammlers Simon Norton missverstanden hatte. Norton setzte sich durch – mit einem Gebot von 798 000 Pfund (2,3 Millionen Dollar).

Wieder war „Titus“ ein Schlusspunkt. Denn nun begann die große Periode des Zweifels. Eines der ersten Gemälde, das mit neuesten technologischen Mitteln unter die Lupe genommen wurde, war das „Selbstporträt mit rotem Barett“. Die Staatsgalerie Stuttgart hatte es im Überschwang des Rembrandt-Rekordjahres 1961 für 321 500 Pfund bei Colnaghi in London erworben. Bis heute kämpft das Bild um seine Anerkennung. Der Markt war verunsichert, nachdem 1968 das „Rembrandt Research Projekt“ gestartet war. Zwischen 1971 und 1986 kam kein großer Rembrandt auf den Markt. „Es gibt keinen Markt mehr für Rembrandts“, schrieb der Londoner Experte Christopher Wood 1997 in einer Marktanalyse.

Doch das „Rembrandt Research Projekt“ hat den Markt nicht untergraben, sondern stabilisiert. 1986 hatte das Ovalbildnis „Mädchen mit goldverbrämtem Kleid“, einst im Besitz der Fürsten von Liechtenstein, mit 7,26 Millionen Pfund (über 20 Millionen DM) einen neuen Rekord gebracht. 1992 bezahlte Alfred Bader 4,18 Millionen Pfund für das Porträt des Predigers Johannes Uyittenbogaert. 1998 ließ sich der amerikanische Händler das Ovalbildnis eines „Bärtigen im roten Mantel“ für 5,5 Millionen Pfund zuschlagen und platzierte es im Kasinomuseum des Las-Vegas-Spekulanten Steve Wynn. Als der es 2002 verkaufte, kostete es 11,5 Millionen Dollar.

Die Suche nach Rembrandts ist in vollem Gange. Steve Wynn ersteigerte 2003 das unter einer späteren Übermalung hervorgekratzte „Selbstporträt mit verschatteten Augen“ für sieben Millionen Pfund. Der Erfolg machte Schule. Im Januar 2006 konnte Sotheby’s in New York ein Frauenporträt anbieten, bei dem ein mondäner Pelzkragen abgenommen wurde. In Maastricht wird im März Rembrandts Porträt der „Anne Wÿmer“ aus der Sammlung Six gezeigt – ein authentisches Werk, das durch eine ähnliche Restauration eines als Schülerarbeit kategorisierten Werkes hervorging.

Gibt es noch viele solcher unentdeckter Rembrandts? Niemand weiß das. Rembrandt malte über 40 Jahre, und doch sind weniger als 300 Werke anerkannt. Malte er wirklich nur sechs oder sieben Gemälde im Jahr? Sicher wird die Suche nach Rembrandt den Kunstmarkt noch lange beschäftigen.

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