Suchmaschinen : Da ist Musik drin

Der Internetkonzern Google will offenbar schon bald einen Suchdienst für Audiodateien anbieten. Welche Folgen hätte das?

Jan Oberländer
306488_0_f8ec75a7.jpg

Offiziell ist noch nichts. „Zu Gerüchten und Spekulationen nimmt Google grundsätzlich nicht Stellung“, sagt ein Sprecher des Internetkonzerns. Doch die Hinweise verdichten sich, dass Google seinen Einflussbereich auf das Onlinegeschäft mit Audiodateien ausdehnen wird. Nach Berichten der „New York Times“ und des Branchendienstes „Techcrunch“ plant Google, einen Suchdienst anzubieten, über den Musik gefunden, Probe gehört und legal gekauft werden kann. Hierzu hat der Konzern Kooperationen mit Online-Musikportalen wie Lala, Imeem oder dem zu MySpace gehörenden iLike geschlossen.

Die offenbar unter dem Namen „Google Audio“ firmierende, in die reguläre Google-Suche integrierte Funktion soll am kommenden Mittwoch in Hollywood vorgestellt werden – bis dahin gibt es keine offiziellen Stellungnahmen der beteiligten Unternehmen. Allerdings sind Screenshots durchgesickert, die die Benutzeroberfläche des neuen Dienstes zeigen. Nutzer werden nicht nur Informationen, Liedtexte, Bilder und Videos zu Künstlern und Alben abrufen können, sondern auch die Möglichkeit haben, Musik ausschnittsweise anzuhören – und sie per Mausklick zu kaufen.

Sowohl das „Streaming“, das Abspielen der Dateien über das Internet, als auch der Verkauf der Songs soll nicht über Google, sondern über die kooperierenden Portale geregelt werden. Mehrere große Musiklabels, deren Lizenznehmer Lala, Imeem und iLike sind, haben die Pläne laut „New York Times“ abgesegnet. Genannt werden Warner, EMI, Sony und Universal.

Bei Google Deutschland will man das Thema nicht kommentieren. Ein Sprecher weist darauf hin, dass es bereits jetzt eine Suchfunktion für Musik gebe. Mit dem Suchbegriff „music:“, gefolgt von einem Bandnamen, einem Alben- oder Liedtitel, können Nutzer sich Informationen anzeigen lassen. Diese sind allerdings spärlich – und vor allem gibt es bisher nicht die Möglichkeit, Lieder abzuspielen oder herunterzuladen. „Wir sind immer daran interessiert, unsere Services zu verbessern“, sagt der Sprecher.

Beim Bundesverband der Musikindustrie war am Freitag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen – dennoch dürften die unbestätigten Meldungen aus den USA der Branche Hoffnung machen. 2008 beklagte der Verband 300 Millionen illegale Musikdownloads. Googles neue Pläne erscheinen da als Erfolg versprechender Ansatz, kostenpflichtige Downloads gegenüber illegalen Angeboten attraktiver zu machen. Nutzer könnten legale Dateien leichter und komfortabler finden und kaufen.

Auch direkt bei den Plattenfirmen wagte man noch keine Aussage über das Audio-Projekt. Ein Sprecher von Sony Deutschland gab zumindest einen vagen Hinweis: „Wir stehen allen neuen Modellen, die den Markt beleben, Vielfalt bringen und Fans dazu bringen, sich mehr mit legaler Musik zu beschäftigen, grundsätzlich positiv gegenüber – gerade im digitalen Bereich.“

Doch der neue Dienst ist nicht nur für die Musikindustrie wichtig. Er dürfte auch den Online-Musikmarkt aufmischen. Mit „Audio“ würde Google Anbietern wie iTunes und Amazon ernsthafte Konkurrenz machen. Zumal iTunes von den Musiklabels eine Umsatzbeteiligung verlangt. Google dagegen will wohl lediglich an im Umfeld der Suchergebnisse geschalteten Werbeanzeigen verdienen.

Eigentlich sei das Google-Angebot einer Musiksuchmaschine weder neu noch überraschend, sagt Ralf Kaumanns, Autor des Buchs „Die Google-Ökonomie“. Tatsächlich betreibt der Suchmaschinenkonzern in China bereits seit März 2008 einen Dienst, über den lizenzierte Musikdateien von mehr als 140 Labels gefunden und kostenfrei heruntergeladen werden können. China könnte als „Testfeld“ für „Google Audio“ gedient haben, meint Kaumanns.

Der Experte betrachtet die jüngsten Aktivitäten des Internetkonzerns als Teil einer größeren Strategie. Google wolle „als Drehscheibe für digitale Güter dienen“. Der Musiksuchdienst sei nur ein Baustein von vielen. Google arbeitet außerdem an einem E-Book-Angebot, auch der Videoanbieter YouTube gehört dem Konzern. Google wolle seine Angebote immer enger miteinander vernetzen, sagt Kaumanns. So könnten Nutzer von „Audio“ möglicherweise künftig über den hauseigenen Online-Bezahldienst Checkout ihre Rechnungen bezahlen, spekuliert der Experte. Das Programm ist in Mobiltelefonen vorinstalliert, die mit dem Google-Betriebssystem „Android“ laufen und damit in Konkurrenz zu Apples iPhone stehen. Dann hätte Google seine Position nicht nur im Musikgeschäft, sondern auch auf dem Handymarkt gestärkt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben