Zeitung Heute : Sucht nach starken Gefühlen

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Edda Gottschaldt, 58, ist Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und leitet seit fünf Jahren die von ihrem Mann begründeten OberbergKliniken in Deutschland, die sich auf die Behandlung Suchtkranker spezialisiert haben.

Frau Gottschaldt, Ihre Berliner Praxis liegt in der Nähe des Reichstages. Eine gute Lage?

Ich bin ganz bewusst in die Mitte des politischen und öffentlichen Geschehens gegangen, weil ich auch für Menschen da sein will, die trotzdem weiter arbeiten wollen und müssen, die also eine ambulante Psychotherapie machen, und führe hier in erster Linie Vor- und Motivationsgespräche durch. Aber Sie spielen sicher darauf an, wer zu mir in die Praxis kommt. Natürlich, da sind schon einige Politiker, Ärzte, Manager, aber auch Journalisten darunter.

Warum greifen Menschen zu Drogen?

Der Wunsch nach Extase gehört zum Menschsein, offenbar brauchen wir ab und zu eine Art Bewusstseinserweiterung. So lange das in Rituale eingebaut ist und rituellen, also gesellschaftlich begrenzten Charakter hat, ist das in der Regel nicht gefährlich. Gefährlich wird es erst, wenn Gefühle nicht mehr zur Zufriedenheit führen, wir glauben, sie unterdrücken oder steigern zu müssen.

Es heißt, am Anfang einer Suchtkarriere stehe oft eine Depression.

Es gibt verschiedene Auslöser. Sicher gibt es Menschen, die an einer depressiven Grundstimmung, einer manifesten Depression oder einer Angsterkrankung leiden, für die Alkohol, Tabletten oder andere Drogen eine Art Selbstmedikation sind. Und dies gelingt ja vielleicht zunächst einmal auch. Nur entkoppelt sich das dann, wird die Sucht zu einer eigenständigen Erkrankung. Es gibt aber auch Beispiele, die einen ganz anderen Hintergrund haben.

Können Sie ein anderes nennen?

Es gibt narzisstische Persönlichkeiten, Leute, die immer diesen Druck empfinden, sehr stark nach außen wirken zu müssen oder nach starken Gefühlen zu suchen. Dazu gehören auch Künstler.

Der Drang zur Selbstdarstellung, resultiert der nicht auch aus einer Angst heraus?

Das ist richtig, nur würde ich diese so genannte narzisstische Wunde, die Menschen dazu bringt, sich immer wieder bestätigt fühlen zu müssen, nicht als Angsterkrankung beschreiben. Im Übrigen, ein bestimmtes Maß an Narzissmus hat wohl jeder Mensch – erfolgreiche Menschen ganz besonders. Es sich immer wieder beweisen zu müssen, ist ja auch ein starker Antrieb. Ich denke, jemand der ganz in seiner Mitte ruht, ist möglicherweise nicht so produktiv.

Sind kreative Menschen deshalb besonders suchtgefährdet?

Auf der einen Seite muss jemand, der es weit gebracht hat, eine große Ich-Stärke haben, um wirklich diese Leistung zu bringen. Das schützt ihn. Auf der anderen Seite ist das ein Drahtseilakt, wenn er die narzisstische Zufuhr, diesen Erfolg, nicht mehr bekommt, dann eine große Leere in sich spürt, läuft er Gefahr abzustürzen.

Die Fragen stellte Andreas Austilat

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