Zeitung Heute : Südafrika: Tanzen, trommeln, tanzen

Manfred Schulze

Schon aus dem Telefon tönt im Hintergrund das durchdringend helle "Yululululu"-Geschrei und Getrommel. Der Mann am anderen Ende der Strippe, vom Stab des Königs, ist kaum zu verstehen: "Von der Autobahnabfahrt nach Stanger, zweite Ampel links und an der Polizeisperre einfach nach Matubela fragen. Es geht alles in Ordnung, man wird euch hereinlassen!" Stanger liegt inmitten der südafrikanischen Küstenprovinz Kwazulu-Natal. Während in der etwa eine Autostunde südlich liegenden Metropole Durban über die Jahrhunderte ein ethnischer Schmelztiegel aus Indern, Zulus, Buren und Engländern entstand, dominiert in Stanger das Tiefschwarz.

Und heute ganz besonders, denn es ist King Shaka-Day Celebration. Der Tag, an dem im vergangenen Jahrhundert der berühmte Zulukönig von seinem Halbbruder erschlagen wurde, wird alljährlich mit viel Zeremoniell, vor allem aber mit urwüchsiger Tradition begangen.

"Matubela has invited us" - und tatsächlich, obwohl die Polizisten am Absperrgitter zunächst etwas ungläubig die handvoll weißer Besucher im Kleinbus mustern, dürfen wir - zu Fuß - an den Ort des Geschehens. Zu Hunderten stehen, singen und tanzen die Zulus. Die Straße mit kleinen, schlichten ein- und zweistöckigen Häusern erinnert an die afrikanische Gegenwart, doch je mehr halbnacktes, mit Speeren und Schilden versehenes Menschenvolk herbeiströmt, um so weiter entrückt die Zeit.

Matubela führt uns durch das Gedränge zu einem großen Platz mit dem Shaka-Denkmal und einer großen Tribüne und entschwindet. Honoratioren der Zulus haben bereits Platz genommen. Die Oberschicht der Zulus gibt sich auch am Festtag bunt: einige mit Armani-Sonnenbrillen und Designer-Jeans, andere mit langen bunten Gewändern. Dazwischen wieder findet sich die Tradition: Männer mit Leopardenfell und Lendenschurz, ältere Frauen mit einer turmartigen Kopfbedeckung und einem Schmuck aus netzartig geflochtenen winzigen Perlen. Eine Reihe ist mit heiratsfähigen Frauen besetzt, die wie in den Zuludörfern üblich, ihre Brüste zeigen. Für uns kurios wirken auch einige weiß strahlenden Büstenhalter, die wohl als Kompromiss zwischen Tradition und Moderne gelten.

In der Mitte der Tribüne wartet ein Tisch mit einem Blumenbukett und ein mit Schnitzereien versehener Thron auf seine Excellenz. König Goodwill Zwelithini Kabhekuzulu gibt sich die Ehre, ein gewichtiger Mann mit ehrwürdigen, weil nahezu regungslosen Gesichtszügen. Auch der König trägt das Leopardenfell, während er huldvoll auf sein Volk schaut, das sich immer zahlreicher zu seinen Füßen im weiten Rund versammelt und lärmt. Die vorderen Reihen bilden Männer aller Altersgruppen im Zulu-Kriegergewand. Nachdem der Zeremonienmeister den Reigen eröffnet hat, springen sie nacheinander einzeln auf, vollführen ein paar weit ausgreifende Sprünge, während sie mit einem kurzen Speer auf ihren hölzernen Schild einschlagen. Doch auch in Afrika gibt es offenbar Protokolle und Langeweile: Nacheinander treten inmitten der immer stärker werdenden Sonnenglut ein Priester, der Bürgermeister, der Transportminister und auch der Bürgermeister von Stanger ans Rednerpult. Die Zulus hören artig zu, nur ab und zu schwillt Unruhe in den hinteren Reihen schnell zu lärmendem Getöse an. Sichtlich nervös springen dann einige Krieger vorn auf und sehen nach dem Rechten.

Wieder ist eine neue Gruppe mit Speeren und Gejohle eingetroffen und verschafft sich Platz in der Arena. Hier ist es längst bedrohlich eng geworden, doch nach einigen Sekunden der Fast-Panik sitzt und lauscht wieder alles friedlich. So bleibt es auch, als der König spricht. Seine Stimme lässt er ruhig nachhallen, als er, kurz die Geschichte des stolzen Volkes rühmend, mit scharfen Worten die heutigen Probleme aufzählt: Die Kriminalität wachse schnell, der Drogenkonsum, der Alkoholmissbrauch und auch die Arbeitslosigkeit. Und nicht zuletzt stehe die Zukunft des Zulu-Volkes auf des Messers Schneide: "Wenn ihr nicht vernünftig beim Sex seid, euch nicht bis nach der Hochzeit aufhebt und dann euren Partnern treu bleibt, dann werden wir den großen Krieg gegen Aids verlieren, den wir genauso mutig führen müssen, wie unsere früheren Kriege. Genug ist genug!"

Draußen auf der Straße werden solche für Afrika ungewöhnlichen Worte nicht gehört, es wird jetzt nur noch getanzt, gesungen und auch getrommelt. Trillerpfeifen gellen, es riecht nach verschwitzten Leibern, die entweder im Laufschritt heranströmen oder auf den letzten Fleckchen Raum im unentfliehbaren Rhythmus hüpfen. Einige junge Frauen haben sich Bänder mit aufgefädelten Bierdosendeckeln oder Kronenkorken an den Knöcheln um die Füße gebunden. Überall zucken die Speere mit ihren Metallspitzen in der Luft, die die Hitze der Gemüter weiter anzuheizen scheint. Tanzen, trommeln, tanzen ...

Die Hitze der unablässig glühenden Sonne spielt keine Rolle, King Shaka wird weiter ungestüm gefeiert. Längst sind wir die einzigen Weißen in dem brodelnden Kessel, und Matubela ist unauffindbar. Später, als sich der Bus aus dem Getümmel quält, ist uns fast ein wenig mulmig im Bauch. Wir waren ganz nah dran an der afrikanischen Seele, der unbekannten, auch etwas unheimlichen.

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