Südafrikas WM : Stolz weht die Fahne

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Finale. Thando, der Supermarkt-Kassierer, kann es nicht glauben. Er sagt, dass es für ihn bei dieser Weltmeisterschaft zwei Geschwindigkeiten gab. Anfangs erschien ihm das Fußballfest als eine endlose Zeitspanne. Mit dem Ende der Vorrunde beschleunigte sich alles, und jetzt ist es fast vorbei. Er packt die Einkäufe in eine Plastiktüte: „Guten Heimflug!“

So wie Thando fühlen viele in Südafrika. Niemand will so richtig begreifen, dass die WM am heutigen Sonntag endet. In den vergangenen vier Wochen haben die Südafrikaner bewiesen, was gute Gastgeber auszeichnet: Warmherzigkeit, die selbst die Eisblumen eines Johannesburger Winters tauen lässt, und Freundlichkeit, die sogar erprobten Berliner Nörglern etwas Glück ins Gesicht zaubert. In den Stadien sowieso, aber vor allem außerhalb der perfekt geschützten Sicherheitszonen. In den Straßen, den Kneipen und im Supermarkt – im ganz normalen Leben, für das man keine Eintrittskarte kaufen muss, das aber hier mindestens so spannend ist wie ein Halbfinale.

Südafrika ist wild entschlossen angetreten, der Welt zu zeigen, was es kann. Heute zeigt sich: Das Land hat es geschafft. Die verbindliche Deadline des Fußball-Weltverbandes Fifa hat gut getan, vielleicht half am Ende vor dem Anfang auch die Angst vorm Versagen. Seit wenigen Tagen überschüttet man sich nun gegenseitig mit lang ersehntem Lob. Joseph Blatter verteilt Lorbeeren, die ihn auch selbst schmücken sollen, und Franz Beckenbauer hat schon immer gewusst, dass die Südafrikaner etwas leisten können.

Der Stolz auf die verdiente Anerkennung ist an vielen Orten Südafrikas zu spüren. Die bunte Landesflagge weht auf dem Dach eines Geschäftshauses in Sandton ebenso wie auf dem Dach einer Hütte im Slum von Diepsloot. Die Flagge mag nur ein Stück Stoff sein, aber sie ist das äußere Erkennungszeichen einer Haltung. Sie hat die Kraft, das noch immer zerrissene Land weiter zu einen, und sie wird auch nach der Siegerehrung weiterwehen.

Schade, dass die junge Tradition des Trikot-Freitags jetzt enden wird. Für die Dauer der WM war jeder Südafrikaner aufgefordert, jeden Freitag im gelben Bafana-Trikot zur Arbeit zu gehen. An der Solidarität mit ihrer Mannschaft könnten sie jedoch noch etwas arbeiten: Als sich abzeichnete, dass die Südafrikaner ausscheiden würden, strömten die Fans massenweise aus dem Stadion und verließen die Fanfeste. So zeigt sich die Enttäuschung derjenigen, denen zu viel versprochen worden war. Fußball kann sicher einiges bewirken. Es war aber fahrlässig, zu behaupten, er könne einen kompletten Kontinent neu erstrahlen lassen.

Auch die südafrikanische Sicht auf Deutschland hat sich verändert. „Ich dachte, ihr seid ein Volk von alten Langweilern mit Schnurrbärten“, wundert sich Ozzy, der Barmann einer Eckkneipe, nach dem Sieg gegen Argentinien. Zum nächsten Spiel erscheint er mit Deutschland- Mütze und Deutschland-Schal.

Südafrikas Außenwirkung wurde seit dem Ende der Apartheid vor allem von einem Mann geprägt: Nelson Mandela. Bei der Eröffnungszeremonie konnte er wegen eines tragischen Todesfalls in der Familie nicht teilnehmen. Die Entscheidung, ob der alte Mann der Gewinnermannschaft heute Abend die Trophäe überreichen wird, fällt angeblich erst in letzter Sekunde. Er wird wissen, dass er diese Geste nicht Jacob Zuma und Joseph Blatter überlassen darf.

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