Zeitung Heute : Südosteuropa: Fortschritte bei der Genesung

Horst Schwartz

Nein, unheilbar krank ist der Tourismus auf dem Balkan und im gesamten Südosteuropa offenbar nicht. Darin waren sich die Beteiligten der ITB-Podiumsdiskussion einig, die die Deutsche Welle und Der Tagesspiegel initiiert hatten. Vertreter der so genannten Balkanländer und Reiseveranstalter, das Auswärtige Amt und Entwicklungshelfer kamen gleichwohl zu dem Schluss: Einigen Ländern geht es noch ungleich schlechter als anderen, Genesung ist jedoch bei keinem ausgeschlossen. "Der Tourismus kommt wieder ins Rollen", versicherte Peter Jordan, Vizepräsident des Österreichischen Ost- und Südosteuropa Instituts in Wien. "Er befindet sich aber längst noch nicht wieder auf dem Niveau der 80er Jahre."

Wie der Wissenschaftler darlegte, sind die Touristenzahlen nach Ende des Balkankriegs keineswegs rasant gestiegen. Nach der totalen Flaute entschieden sich frühere Gäste eher zögerlich, an die Urlaubsorte vergangener Zeiten zurück zu kehren. Grund dafür liege in der Regel in einem subjektiven Unsicherheitsempfinden, obwohl das bei den meisten Ländern unbegründet sei. Ende der 80er Jahre fuhren oder flogen jährlich immerhin zehn Millionen Urlauber nach Südosteuropa. Allein fünf Millionen Touristen besuchten das ehemalige Jugoslawien. Doch im vergangenen Jahr steuerten erst wieder 1,4 Millionen Erholungssuchende Ziele in Ex-Jugoslawien, vor allem Kroatien und Slowenien, an. Für alle Länder der Region ist dabei Deutschland der wichtigste Herkunftsmarkt, vor Italien und Österreich.

Die Entwicklung verläuft von Land zu Land sehr unterschiedlich. Derzeitiger Spitzenreiter im Tourismusgeschäft ist Kroatien, wenn auch noch auf einem relativ niedrigen Niveau von nur 60 Prozent des Aufkommens des Jahres 1989. Die Leiterin der Kroatischen Zentrale für Tourismus, Ankica Ronji, gab sich dennoch zuversichtlich, dass das Land sehr schnell an alte Glanzzeiten anschließen werde. "Die Privatisierung ist sehr weit fortgeschritten, das Interesse von Reiseveranstaltern, insbesondere aus Deutschland, ist sehr groß." Gedämpft wurde die kroatische Begeisterung fürs eigene Land von Theo Kidiss vom Auswärtigen Amt. So sehr sich der Tourismus in Kroatien auch erhole, sicher sei das Land noch nicht. Abseits der Touristenpfade gebe es Probleme mit Minen, Hinterlassenschaften des Kriegs. Auf diese Gefahr weise seine Behörde ausdrücklich hin, so Kidiss. Zwar seien die Küste, der Raum Zagreb und Istrien davon verschont, wer sich aber von diesen Regionen aus ins Hinterland begebe, lebe gefährlich. Kroatiens Diskussionteilnehmer mochten diesen Sachverhalt nicht leugnen und mussten auch einräumen, dass in den touristischen Zentren des Landes auf diese Gefahr nicht hingewiesen wird. Die noch verminten Gegenden seien jedoch so abseits, dass die Gefahr, ein Tourist könne sich dorthin verirren, gleich null sei.

Nicht zuletzt Dank der Investitionen deutscher Reiseveranstalter - meist Vorab-Zahlungen an örtliche Geschäftspartner, mit denen die touristische Infrastruktur modernisiert worden ist oder noch wird - erlebt Bulgarien eine neue Blüte. Allein drei deutsche Reiseveranstalter (Neckermann, TUI und ITS) investierten weit mehr als 100 Millionen Mark in die Hotelinfrastruktur an der Schwarzmeerküste. Entsprechend ist der Stellenwert des Reiselandes Bulgarien gestiegen. Bei jährlichen Buchungszuwächsen zwischen 30 und 40 Prozent könne Bulgarien sogar mittelfristig bestimmten Zielen in Spanien den Rang ablaufen, so Axel Hübner, Produkt-Manager Neckermann Family beim Reisekonzern C & N. Vor allem das günstige Preis-Leistungs-Verhältnis, aber auch die guten Bedingungen für Familien mit Kindern sowie die sanierten, auf modernen Komfortstandard gebrachten Hotels böten einen Anreiz. Im vergangenen Jahr registrierte Bulgarien 262 000 Deutsche, 22,7 Prozent mehr als 1999.

Auch Montenegro kehrt zurück auf die touristische Landkarte. Vom nächsten Jahr an will C & N die Destination in eins ihrer Programme aufnehmen. Die Voraussetzungen sind gut: Die Visumspflicht ist entfallen, und die Grenze nach Kroatien offen. So kommen auch viele Touristen aus Dubrovnik ins Nachbarland. Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Deutsche Entwicklungsgesellschaft haben einen Masterplan für die Entwicklung des Tourismus erarbeitet, der über einen Zeitraum von 15 Jahren angelegt ist.

Noch arg kränkelnd verhält sich der Tourismus in Mazedonien. Die Zahlen sind im Vergleich zur Zeit vor der Jugoslawien-Krise um das Sechsfache zurückgegangen. Auf der diesjährigen ITB konnten mazedonische Touristiker jedoch "vielversprechende Kontakte" mit Reiseveranstaltern knüpfen, die das Land im nächsten Jahr anbieten wollen. Da ein Tourismus in großem Stil, sprich in Massen, für Mazedonien wegen fehlender Strände kaum denkbar ist, suchen die Verantwortlichen in Skopje allerdings bisher vergeblich nach Investoren, um die touristische Infrastruktur zu verbessern.

Slowenien hingegen hat eigentlich keinen Grund zur Klage, das Land plagt jedoch ein Imageproblem. Obwohl man sich eher zu Mitteleuropa zähle, werde das Land meist dem Balkan zugerechnet und so mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht, beklagte sich Janez Repansek, Direktor des Slowenischen Fremdenverkehrsamts in Frankfurt am Main. Immerhin reisten im vergangenen Jahr etwa eine Million Touristen in das Italien und Österreich benachbarte Land, das selbst nur knapp zwei Millionen Einwohner zählt. 23 Prozent der Gäste kamen aus Deutschland. Die Aufnahme in die Kataloge großer Reiseveranstalter sei etwas schwierig, weil Slowenien keine "Flugdestination" sei. So reisen die meisten Gäste mit dem Auto an. Slowenien liegt nur etwa 200 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Viele Urlauber steuern das Land deshalb auch zu Kurz- und Wochenend-Trips an, ihren Jahresurlaub verbringen allerdings nur die Wenigsten dort.

Serbien war der Diskussion um den Tourismus in Südosteuropa fern geblieben. Nur vorsichtig versuchte das Land auf der diesjährigen ITB, überhaupt wieder Anschluss an das internationale Geschäft zu finden. Die Ziele des "neuen" Serbiens sind gleichwohl ehrgeizig: die Belebung des Kreuzfahrten-, Kur- und Kulturtourismus und nicht zuletzt die Rückkehr in die World Tourism Organization (WTO) und die Wiederaufnahme in die seit über zwei Jahrzehnten über die politischen Grenzen hinweg kooperierende Internationale Touristische Werbegemeinschaft der Donauländer, die den Strom in den Mittelpunkt gemeinsamer Marketingaktivitäten rückt.

Rumänien gilt bei vielen Vertretern der Reisebranche als Urlaubsziel mit Potenzial. "Augenblicklich sind die Verhältnisse in Rumänien allerdings nicht so, dass ausländische Unternehmen dort in großem Stil investieren mögen", begründete Neckermann-Manager Axel Hübner die Zurückhaltung der Industrie. Er könne sich jedoch vorstellen, dass Rumänien "richtig interessant" werde, sobald die politischen Verhältnisse stabiler und durchsichtiger werden. Die Privatisierung soll nach den Vorstellungen von Tourismusminister Agathon noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Ein entsprechendes Gesetz ist allerdings noch nicht im Parlament verabschiedet worden. Im Kleinen hingegen wirkt bereits die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Rumänien. Projektleiter Peter Zimmer etwa kann einen Erfolg in Hermannstadt (Siebenbürgen) verbuchen. In Zusammenarbeit mit Regierung, Kommune und Privatunternehmen ist es gelungen, in der denkmalgeschützten Stadt eine Tourist-Information aufzubauen, die als vorbildlich für das ganze Land gilt. Zimmer beklagt, dass Rumänien unverdient unter einem schlechten Image leide und nur etwa 16 deutsche Veranstalter Reisen nach Rumänien anböten. Durch die Erstellung eines touristischen Leitbildes hofft Zimmer, dem Land aus dem touristischen Tief heraus helfen zu können.

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