Zeitung Heute : Süß, saftig, selten

Maulbeeren werden als Obst kaum angeboten. Zernikow widmet der vitaminreichen Frucht ein Fest

Inge Ahrens

Eine fast in Vergessenheit geratene Frucht steht ein Mal im Jahr in Zernikow im Ruppiner Land im Mittelpunkt eines kleinen, aber feinen Festes: Es handelt sich um Maulbeeren. Am kommenden Sonnabend, am 28. Juli, möchte die „Initiative Zernikow e.V.“ in ihrem 15 Kilometer östlich von Rheinsberg gelegenen Dörfchen rund um das Gutshaus der Familie von Arnim den Besuchern die vitaminreiche Frucht in verschiedenen Varianten präsentieren, zumal das Obst frisch auf Märkten kaum angeboten wird. Denn die weichen, saftigen Maulbeeren, die an Brombeeren erinnern, vertragen keine langen Transportwege. Das Fest in Zernikow bietet also Gelegenheit, die bei uns seltenen Früchte zu probieren.

Der veranstaltende Verein, mitbegründet von dem vor zehn Jahren verstorbenen Achim von Arnim, der in Zernikow einen Teil seiner Kindheit verbrachte, kümmert sich in der Gemeinde nicht nur um den Denkmalschutz, sondern auch um die Landschaftspflege einschließlich der örtlichen Maulbeerbäume. Denn sie gehören auch zur Geschichte des Ortes.

Begonnen hat sie 1740, als Friedrich der Große seinem Kämmerer Michael Gabriel Fredersdorff das einstige Rittergut in Zernikow zum Geschenk machte. Das fiel in die Zeit, als der Preußen-König es satt hatte, dass seine vermögenden Untertanen teure Seide im Ausland kauften. Das Gewebe sollte im eigenen Land hergestellt und mit den Einnahmen die Staatskasse gefüllt werden. Also musste eine Seidenraupenzucht her. Da die Tierchen jedoch sehr anspruchsvoll sind und ihnen nur die Blätter von Weißen Maulbeerbäumen (Morus alba) schmecken, wurde Preußen geradezu mit Plantagen dieser Art überzogen. So kam das Gehölz auch nach Zernikow. Des Königs Kämmerer pflanzte es in großem Stil. Doch bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es vorbei mit diesem lukrativen Industriezweig. Eine Seidenraupenkrankheit und Napoleons Sieg über die preußische Armee machte die Seidenproduktion zunichte. Denn Napoleon förderte den Absatz der französischen Seide, die preiswert produziert wurde. Die von preußischen Bauern ohnehin ungeliebten Maulbeerbäume wurden abgeholzt und verfeuert. Doch noch heute gibt es in Berlin und in Brandenburg uralte Exemplare. Eine richtige Allee mit diesen Baumveteranen bietet Zernikow: Elf der knorrigen Exemplare stammen aus dem Jahr 1752, dazu gesellen sich 55 bis zu einhundert Jahre alte Artgenossen. Sie bilden mit den seit 1999 gepflanzten 35 jungen Gehölzen eine Einheit.

„Für die Besucher des Maulbeerfestes backen wir ordentlich Maulbeerkuchen“, erzählt Ines Rönnefahrt, die alle Fäden, was das Fest betrifft, in der Hand hält. Die Gäste können nicht nur Marmelade und Likör davontragen und ein paar Accessoires aus Seide erwerben, sondern auch für den eigenen Garten stramme kleine Bäumchen samt Pflegeanleitung kaufen. Präsentiert werden aber auch lebende Seidenraupen. Und in einer Ausstellung im restaurierten Maschinenhaus erfahren die Besucher unter dem Motto „Wo kommt bloß der Faden her?“ Wissenswertes über die Seidenraupenzucht.

Wer um 14 Uhr kommt, sollte sich den Vortrag von Marina Heilmeyer anhören, der sich der „Liebe unterm Maulbeerbaum“ widmet. Der römische Dichter Ovid muss beim Schreiben unter dem Einfluss der Früchte gestanden haben, als er das Schicksal von Pyramus und Thisbe unterm Maulbeerbaum besiegelte.

Marina Heilmeyer ist nicht nur die Herausgeberin der „Potsdamer Pomologischen Geschichten“ im Vacat Verlag, sondern auch Co-Autorin von Michael Seiler für das Buch aus der oben genannten Reihe: „Maulbeeren. Zwischen Glaube und Hoffnung.“ Dem ehemaligen Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Berlin-Brandenburg, Michael Seiler, ist ein hinreißendes Buch rund um den Maulbeerbaum gelungen. Es erzählt die Kulturgeschichte des legendenumwobenen Gehölzes, streift die Seidenraupenzucht im Allgemeinen und geht im Besonderen auf deren Bedeutung in Preußen ein. Außerdem spart es nicht mit verführerischen Rezepten.

Der Autor, der sehr idyllisch auf der malerischen Pfaueninsel lebt, verrät, dass in seinem privaten Garten, den man nicht besichtigen kann, „acht Weiße Maulbeerbäume im Freien und etliche in Kübeln“ stehen. Sein Traum ist es, dass in Potsdam und Berlin endlich frische Maulbeeren gekauft werden können. Denn auf der Jagd nach den köstlichen Früchten in der Natur und in seinem eigenen Garten seien immer die naschhaften Vögel schneller, sagt er.

Doch nicht nur in Zernikow sind noch lebendige Zeitzeugen der einstigen Seidenproduktion zu finden, sondern auch in Berlin, beispielsweise auf dem Kirchfriedhof in Alt-Zehlendorf. Unter www.stadtentwicklung.berlin.de sind die Standorte der alten Weißen Maulbeerbäume in der Stadt verzeichnet.

Veteranen der Schwarzen Maulbeeren (Morus nigra) dagegen gibt es eher selten. Eine solch ehrwürdige Rarität steht am äußersten linken Ende der Großen Orangerie des Schlosses Charlottenburg. Gerhard Klein, der Leiter des Schlossgartens, schätzt das Alter auf 170 Jahre. Gleich daneben gedeiht seit drei Jahren ein junger Baum. „Ein Nachkomme, den wir Michael Seiler zu verdanken haben“, freut er sich. Seiler hatte das Exemplar und weitere junge Pflanzen aus dem alten Baum gezogen. Der grüne Nachwuchs bereichert die gestalteten Anlagen der Stiftung der Preußischen Schlösser und Gärten.

Informationen. Marina Heilmeyer und Michael Seiler: Maulbeeren. Zwischen Glaube und Hoffnung. Potsdamer Pomologische Geschichten, Vacat Verlag, Potsdam 2006, 103 Seiten, 15 Euro.

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