Zeitung Heute : Süß subversiv

MICHAEL PILZ

Die britische Band Blur in der Arena Blur, das waren einmal jene vier Musikanten, die sich als Schnösel ausgaben, als Anti-Lads gewissermaßen, dem britischen Rock wieder zu Stil zu verhelfen, zu gepflegten Melodien, anständigem Gebaren und als Patrioten zu höheren Erträgen.Und nun? Jetzt drehen sie durch.Behängen ihre Bühne mit Tarnnetzen, schlagen Krach und kloppen Punk.Damon Albarn, der Sänger, bespringt die Heimorgel, zappelt im Stroboskopgewitter.Beginnen sie noch mit "Beetlebum", dem letzten Hit mit Form und Satzgesang, lassen sie ihre aktuellen Vorlieben folgen: verdichteten Lärm, finstere Kakophonien fürs Renommee. Doch gemach.Der kommerzielle Selbstmord findet allenfalls statt als einträgliche Pose.Zunächst vermittelt es einen Anschein von Verwirrtheit, was die Mädel in der Arena um so süßer finden und sich selig gegen die Absperrung drängen.Auch ihre Band ist überaus versöhnt, zumal mit dem eigenen Werk.Bald kommt das pompöse "Stereotypes" von 1995 mit Bläsersatz und Tastenteppich.Sie besinnen sich selbst sechs Jahre alter Lieder und leuchten dazu das militante Bühnenbild aus in Pink und Himmelblau.Die Show als paradox große Inszenierung ihrer Gelassenheit: wenn ihr Bassist Alex James mit dem Teepott an die Rampe schlurft, Graham Coxon sich bebrillt an die Gitarre klammert, sind das die Rollenspiele einer Boy Group.Wenn Damon Albarn in den neuen Songs vornehmlich sein Befinden preisgibt, ist das so pubertär, wie es Pop in seinen besten Momenten oft war. Da bleiben sie subversiv schnöselig und stellen die Distanz zum eigenen Schaffen zur Schau.In Disco-Nummern, zu denen eine mächtige Spiegelkugel von der Decke schwebt.In Stücken wie "Country Sad Ballad Man", einem seltsamen Stil-Referat.Blur erscheint skurril und komisch, was Oasis nie war.Gewiß, Oasis, der unvermeidliche Widerpart: in diesem Duell um Marktanteile erspielt sich Blur nun wieder ihren Vorteil, nachdem sich die Gruppe zuletzt in aller Stille konsolidiert hatte.Und man kann Albarn anfangs, sitzend an der Gitarre, die Unterlippe am Mikro, als Parodie auf den mutmaßlichen Gegner sehen.So auch in "Look Inside America", in dem er obendrein sämtliche Axiome des BritPop widerruft, um sich mit Blur abzusetzen, in Stilen und Märkten zu expandieren.So in dieser heftigen Zugabe "Song 2": von den Kinks zu Nirvana, ein anderes Mal von Syd Barrett zu Hüsker Dü oder zurück von Iggy Pop zu The Fall.Das ist betörend schamlose Klauerei.Epigonal, ohne die ohnehin fragwürdige Absicht, nach all dem Hinterlassenen samt Wurzeln zu graben.Äußerlich und live ein Riesenspaß, in der Musik mitunter erstarrt in Ehrfurcht vor dem erschlichenen Erbe.Deshalb und nichtsdestoweniger: ein bemerkenswertes Gastspiel.MICHAEL PILZ

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