Zeitung Heute : Süßer Schmerz

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man empfindlichen Zähnen vorbeugt

Hartmut Wewetzer

Autsch! Mitten beim schönsten Schokoladengenuss zieht es in den Zähnen. Oder genau dann, wenn das Vanilleeis am Gaumen zu schmelzen beginnt. Die Zähne schmerzen, als würden sie uns das süße Leben verübeln. Die Ursache sind empfindliche Zahnhälse. Sie reagieren auf Reize von außen, auf Wärme und Kälte, Süßes und Saures mit einem Schmerzsignal. Wie kommt es zu diesem falschen Alarm?

Am Anfang steht der Zahnfleischschwund. Deshalb liegt der Zahnhals offen, also der Mittelteil des Zahns zwischen Wurzel und Krone. Er ist nur noch von einer dünnen Zementschicht geschützt. Wird sie verletzt, dann wird’s schmerzhaft. Denn nun tritt das Zahnbein zutage, auch Dentin genannt. Während der „oberirdische“ Teil des Zahns durch den harten und schmerzunempfindlichen Schmelz geschützt ist, verbinden feine Kanäle im Dentin die Außenwelt mit dem Zahninneren und dem Nerv. Über diese Kanäle wird nun das Schmerzsignal ausgelöst.

Schon Jugendliche haben Probleme mit ihren Zahnhälsen, und oft steckt eine simple Ursache dahinter. „Die Leute schrubben sich mit falscher Putztechnik das Zahnfleisch weg“, sagt Rouven Kleinke, Zahnarzt am Berliner Philipp-Pfaff-Institut. „Sie putzen zu kräftig, statt Zähne und Zahnfleisch nur zu streicheln.“ Manche Menschen bürsten sich regelrechte Kerben ins Zahnfleisch, andere gar Keile in die Zähne hinein.

Kleinkes Rat: Stellen Sie sich vor, Sie massieren mit der Bürste nicht ihr Zahnfleisch, sondern eine Tomate. Sie dürfen nur so stark aufdrücken, dass das oberste Häutchen der Tomate nicht beschädigt wird. Da versteht sich eigentlich von selbst, dass man nur weiche Zahnbürsten benützen sollte. „Am besten mit abgerundeten Nylonbürsten“, sagt Kleinke.

Beim Zähneputzen gilt die Regel, dass man von „rot nach weiß“ putzen sollte, also vom Zahnfleisch zu den Zähnen und Kauflächen. Die Bürste sollte etwa einen Winkel von 45 Grad zu den Zähnen einnehmen, das heißt schräg gehalten werden und vorsichtig kreisen. Und elektrische Zahnbürsten? „Die Leute freuen sich, dass sie von allein funktionieren. Aber auch mit diesen Bürsten ist Arbeiten angesagt“, sagt Kleinke. Zahn-Arbeit.

Es ist also vergleichsweise einfach, seine Zähne vor Überempfindlichkeit und Kariesbefall – der setzt sich gern an die frei liegenden Zahnhälse – zu schützen. Schwieriger ist es, einmal eingetretene Schäden zu beheben. „Man wird sie schwer wieder los“, sagt Kleinke. Zwar gibt es Zahnpasten, die gegen überempfindliche Zähne helfen sollen. Aber Wunder wirken sie nicht. Effektiver ist es, mit Fluoridlack die Kristallbildung an den Zahnhälsen zu verbessern und die Dentinkanäle abzudichten. Die Behandlung muss mehrfach wiederholt werden. Man kann auch versuchen, sie mit Kunststoff zu versiegeln, zu überkronen oder das Zahnfleisch „nach oben zu ziehen“, also operativ in Richtung Zahnschmelz zu verschieben. In schwierigen Fällen muss der Zahn aufgebohrt und der Nerv gezogen werden. Dann ist Ruhe. Endgültig.

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