Zeitung Heute : Sunny-Boy aus dem Tropensozialismus

ROMAN RHODE

Der Kubaner Issac Delgado im Berliner TränenpalastVON ROMAN RHODEIssac Delgado zählt zu den großen Devisenbringern Kubas, deren Musiker im Ausland am liebsten Ginger Ale trinken, aber doch das heimische Reis-und-Bohnen-Gericht vermissen.Wer die Zuckerinsel besucht hat, kennt das Gesicht des Sängers vielleicht: Es lächelt von den Airport-Monitoren herab und lädt, zwischen Mietwagen- und Hotelwerbung, zu rhythmischem Fun im Tropensozialismus ein.Auch im staatlichen Nachmittagsfernsehen verkündet Delgado seine Idee der kubanischen Salsa: eine vertrackte Kreuzung zwischen Rap, Latin-Beat und modernisiertem Cha-Cha-Cha.Der Frontman dazu: ein karibisch-smarter Sunny-Boy, der zugleich die heftigen Tanzbewegungen aus den Vorstadtcabarets von Havanna beherrscht. Im Tränenpalast an der Berliner Friedrichstraße erscheint Issac Delgado mit 13 Musikern auf der Bühne, das große Publikum allerdings ist ausgeblieben - Konkurrenz der "Heimatklänge", die ihre Liebhaber ins Tempodrom locken? Trotzdem legt die Band kraftvoll los, läßt Posaunen und Trompeten hochfahren, ihre Keyboards aufheulen, Drums und Baß donnern - Musik aus Kuba ist auch hier mitreißend.Und doch wirkt sie bei Issac Delgado, wie auch bei anderen modernen Interpreten kubanischer Salsa, eintönig: weil sämtliche Instrumente einem allzu repetitiven Perkussionsapparat untergeordnet sind. Dabei sind die Arrangements ausgeklügelt und seine Musiker allesamt von erster Qualität.Delgado selbst hat seine musikalische Karriere bei dem Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba begonnen und ist dann als erster Sänger der innovativen Gruppe NG La Banda hervorgetreten.Delgado besitzt also eine hübsche Balladenstimme und mimt hin und wieder auch den wilden Hahnenschrei von Beny Moré aus den verrückten Fünfzigern - wo aber hat er das tiefergehende Feeling des alten Meisters gelassen? In Kuba ist solches Feeling mittlerweile, wohl nicht zuletzt unter den schwierigen Alltagsbedingungen von Kommandosozialismus und Handelsembargo, verlorengegangen, ebenso der Tanz dazu.Im Tränenpalast, ähnlich wie in den meisten Tanzclubs von Havanna, zwingt die harte Rhythmusmaschine der Band zum despelote, einer vehementen Mischung aus Anmache und Latin-Aerobic. Im Grunde führt Issac Delgado mit seiner Musik und den gepfefferten Texten dazu, durch die er in Kuba äußerst populär geworden ist, eine Bambule aus Mainstream und Alltagssatire auf: dabei schickt er die Frivolität und modischen Sehnsüchte aus den Vorstädten seiner Heimat in die Ferne - und kehrt mit allerhand Devisen zurück.

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