Zeitung Heute : Superrechner bringt Sandberge ins Rutschen

KURT SAGATZ

Berliner Wissenschaftler bauen massiv parallel geschalteten Computer zum sensationellen Preis VON KURT SAGATZ

-Berlins Wissenschaftswelt hat eine neue Attraktion.Physiker der Humboldt-Universität und Mediziner der Charité haben zusammen einen Supercomputer entworfen und gebaut, der in seiner Form einmalig in Deutschland ist.Um gewisse Simulationen von molekularen Bewegungen und molekularer Medizin in einem vernünftigen Zeitrahmen zu ermöglichen, schufen sie aus 16 Pentium Pro Rechnern mit 200 Megahertz-Prozessoren einen massiv parallel geschalteten Computer, der sich auch im Vergleich zu kommerziell erbauten Supercomputern messen lassen kann, wie Thorsten Pöschel vom Humboldt-Institut für Physik am Donnerstag vor Journalisten in Berlin erläuterte.Da für den Bau des Superrechners namens "Katja" ausnahmslos Standardkomponenten verwandt wurden, gelang die Umsetzung der Projekts zu einem äußerst niedrigen Preis.Während vergleichbare Konkurrenzprodukte mehrere Millionen DM kosten, lag der Preis für "Katja" bei gerade einmal 50 000 DM, die je zur Hälfte aus dem Etat der Charité und EU-Forschungsgeldern bestritten wurden, sagte Professor Cornelius Frömmel von der Charité. Zusammengeschaltet ist der Supercomputer in einem sogenannten vierdimensionalen Würfel.Das bedeutet, daß jeder der 16 Parallelrechner mit genau vier Nachbar-PC verbunden ist.Die Delegation der Teilaufgaben geschieht durch einen 17.Rechner, der zugleich zur Datenein- und ausgabe genutzt wird.Möglich wurde der preiswerte Zusammenbau vor allem deshalb, weil Hochgeschwindigkeits-Netzkarten für eine Übertragungsleistung von 100 Megabit pro Sekunde inzwischen rapide im Preis gefallen sind und statt 1000 DM nun nur noch über 100 DM kosten.Eine weitere Voraussetzung für die Entwicklung war die Verbesserung der Betriebssystemsoftware Linux, erklärte Physiker Volkhard Buchholtz. Der entscheidende Vorteil von Parallelrechnern liegt darin, daß komplexe Rechnenaufgaben wie zum Beispiel der Einfluß der Schwerkraft auf einen Sandhaufen auf mehrere Rechner verteilt werden können, die sich die Berechnung teilen.Dafür müssen jedoch die Programme, die Aufgaben üblicherweise hintereinander abarbeiten, so geschrieben werden, daß eine parallele Bearbeitung überhaupt erst möglich wird. Der Berliner Superrechner soll überdies unter anderem zur Analyse von Eiweißstrukturen des menschlichen Körpers genutzt werden.Nur mit Hilfe der Rechenleistung dieser Maschinen sei es vorstellbar, die räumliche Struktur der Eiweißmoleküle zu erschließen, führte Frömmel aus.Derzeit sei man noch weit davon entfernt die Funktion der Eiweißstrukturen zu kennen und deren Beeinflußbarkeit durch Therapien abschätzen zu können. Die Demonstration der Leistungskraft wäre am Donnerstag fast infolge eines Stromausfalls gescheitert.Knapp vor Ende der Pressekonferenz konnte die Bewag jedoch den Schaden beheben, und auch das gestaffelte Hochfahren der einzelnen Computer gelang bereits beim zweiten Anlauf. Wie schnell "Katja" tatsächlich ist, kann nur der direkte Vergleich mit anderen Supercomputern zeigen.Die Wissenschaftler hoffen nun, ihren Rechner in einen Wettstreit mit einem Cray-System oder einer Silicon-Graphics-Maschine treten zu lassen.Und sie überlegen, ob nicht die Hinzuschaltung von acht weiteren Einheiten noch einen weiteren Quantensprung der Rechengeschwindigkeit bewirken würde - wenn denn das Geld reicht.

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