Zeitung Heute : Surfen für die Hörer

Beim „Radiobrowsing“ gehen die Redakteure stellvertretend ins Netz. Ein Modell nicht nur für Entwicklungsländer

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UWE AFEMANN

von der Universität

Osnabrück beschäftigt

sich seit 1996 intensiv

mit dem Thema

„Internet in

Entwicklungsländern“.

Foto: Privat

Herr Afemann, das Internet wird oft als große Chance gerade für Entwicklungsländer angesehen. Doch die Realität sieht häufig anders aus.

Das stimmt. Es sind auch dort – wie in der ganzen Welt – die einkommensstarken, jungen, gut ausgebildeten Männer, die das Internet nutzen. Dazu kommt noch: Wird im Internet etwas angeboten, was sie für sich nutzen können? Wird es in der Sprache angeboten, die sie lesen können – und können sie überhaupt lesen? In Afrika und Südasien ist die Analphabetenrate sehr hoch, teilweise bis zu 50 Prozent.

Welche Problemlösung gibt es?

Man müsste jemanden stellvertretend surfen lassen, der lesen und schreiben kann, möglichst in Englisch, und seine Information in den lokalen Sprachen weitergibt. Da bietet sich das Radio an. Seit zwei bis drei Jahren gibt es Initiativen für „Radiobrowsing“ von der UNESCO und auch von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Diese Organisationen unterstützten die Radiostationen.

Wie funktioniert das Modell?

Es wird ein Internet-Anschluss im ländlichen Bereich hergestellt, meistens über Satellitenverbindung. Dann können die Redakteure auf Anfrage ihrer Hörer im Internet surfen. Sie bereiten die gefundenen Informationen auf und verbreiten sie per Radioprogramm. In Afrika hat nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet, während 20 Prozent ein Radiogerät besitzen. Vor so einem Gerät kann sich die ganze Familie setzen.

Aber um Fragen zu stellen, muss man zumindest telefonieren können?

Ja, oder beim Sender vorbeigehen oder die Fragen per Post schicken. Das ist nicht einfach, wenn sich die Radiostation nicht gerade am Ort befindet. Ein anderes Problem ist, dass viele Regierungen Angst haben, dass die Radiosender Informationen vermitteln könnten, die nicht regimefreundlich sind.

Wie nutzen die Hörer das neue Angebot?

„Radiobrowsing“ wird viel von Auswanderern genutzt, die in entwickelte Länder fortgezogen sind und dann Grüße versenden an ihre Daheimgebliebenen, indem sie eine Mail an die Radiostation schicken. Allerdings: Man hat sich viel versprochen davon, dass man die lokalen Marktpreise über Internet erforscht und weitergibt, aber da bin ich noch skeptisch, weil es einfach an wichtigen Voraussetzungen unter anderem bei der Infrastruktur fehlt. Man braucht Straßen, Eisenbahn und Ähnliches. In Chile, einem relativ gut entwickelten Land, sind nur ein Viertel der Straßen gepflastert. Beim E-Commerce hapert es überdies am Bankensystem und es fehlen Kunden, die Kreditkarten haben.

Also macht der Internet-Zugang im Grunde gar keinen Sinn?

Es wird sicherlich dem einen oder anderen helfen, es gibt sicherlich Nischenmärkte. Aber die gesamtwirtschaftliche Situation des Entwicklungslandes lässt sich damit kaum verbessern. Alle bisherigen Untersuchungen sprechen dagegen.

Das Gespräch führt Matilda Jordanova-Duda.

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