• Surfen wie in der Mensa: Zahlen nach Wechselkurs - Internet-Cafés der neuen Dimension beleben die Konkurrenz am Kudamm

Zeitung Heute : Surfen wie in der Mensa: Zahlen nach Wechselkurs - Internet-Cafés der neuen Dimension beleben die Konkurrenz am Kudamm

Henry Steinhau

Wo bis vor kurzem noch Designermode verkauft wurde, Kurfürstendamm/Ecke Meinekestrasse, soll nach den Plänen der britischen Unternehmensgruppe "Easygroup" bald ein Internet-Café der neuen Dimension seinen Betrieb aufnehmen. Mit rund 400 Surfplätzen, die zudem 24 Stunden, 7 Tage die Woche, zur Verfügung stehen, stellt die "easyeverything" genannte Location alles in Sachen Internet-Cafés bisher Dagewesene in den Schatten.

Neun solcher Internet-Shops laufen bereits, davon fünf in London sowie in Edinburgh, Amsterdam, Rotterdam und Barcelona. 50 sollen es bald weltweit sein. Für Berlin bedeutet es vor allem Konkurrenz für das renommierte Internet-Café "Website" in der Joachimsthaler Straße. "In London haben unsere Shops mehr Besucher als der Millenium-Dome!" sagt Stelios Haji-Ioannou, griechischstämmiger Gründer und Chef der "Easygroup".

Das habe seinen Grund im Preis-Leistungs-Verhältnis: Die flinken PCs mit modernen Flachbildschirmen sind über superschnelle Standleitungen (2 Megabit) vernetzt, und für ein britisches Pfund können die Nutzer bis zu sechs Stunden im Web surfen, was einem Dumpingpreis von etwa 53 Pfennig pro Stunde entspricht.

Im "Website" gilt derzeit ein Tarif von sieben Mark pro Stunde, registrierte Stammkunden zahlen eine Mark weniger. Das "Easyeverything"-Konzept beinhaltet allerdings ein Schwanken der Preise, je nach Auslastung des Cafés, und das sogar im Fünf-Minuten-Takt. Eine Surf-Zeit von mindestens 30 Minuten pro Pfund ist dabei garantiert, das entspricht etwa 6,40 Mark pro Stunde. Der Nutzer kann aber die Surfmenge erstens billiger einkaufen - je nachdem, wie der Kurs zum Kaufzeitpunkt steht - und zweitens zusätzliche Surfzeit dazugewinnen, wenn es im Café leerer wird.

Das Surfkontingent wird mit einer Art Telefonkarte erworben, die Zugangscode und Passwort enthält und 28 Tage gültig ist, aber auch verlängert werden kann. Die jeweils verfügbare und automatisch variierte Surfzeit zeigt immer ein spezielles Browser-Fenster an.

Ein pfiffiges System. Attraktiv genug, sagt "easyeverything"-Sprecher James Rothnie, um nicht nur jene anzusprechen, die keinen eigenen Privat- oder Büro-Internet-Anschluss haben. Vielmehr sei Laufkundschaft, die in der City arbeitet, einkauft oder touristisch unterwegs ist, die Hauptzielgruppe. Eine von der "Easygroup" in Auftrag gegebene Studie will zudem herausgefunden haben, dass 50 Prozent der Londoner in einem "Easyeverything"-Shop einkehren will, um dort Internet-Schnäppchen zu finden und zu erstehen.

Das alles, attraktive Preise und massenhaft Rechner, würde jedoch bei weitem nicht genügen, um ein Internet-Café dauerhaft rentabel zu gestalten, meint Bianka Meißenburg, Pressesprecherin des "Website". Geld verdiene man mit Stammkunden, so Meißenburg, und die erwarten vor allen Dingen weitergehende Services und gute Gastronomie. Aus sechs Jahren wechselvoller Erfahrung mit der Berliner Kundschaft wüsste man beim "Website", dass beispielsweise ohne kompetente Betreuung und zusätzliche Hardware, wie Scanner oder auch Drucker, kaum Überlebenschancen bestehen.

Zudem würden sich die Kunden in großen Räumen nicht wohl fühlen und schneller wieder gehen, sprich weniger umsetzen: "Der typische Café-Surfer will unter Menschen sein und doch für sich", sagt Meißenburg. Tatsächlich vermitteln die von langen Tischreihen geprägten, großflächigen "Easyeverything"-Shops eine Atmosphäre von Mensa und Lesesaal. Kaffee, Kuchen und Bistro-Tische gibt es dort allerdings auch. Laut Meißenburg hätten sich in der Vergangenheit kahle Surfhallen mit einem Getränkeautomaten in der Ecke nicht bewährt, wenngleich diese bisher meist nur wenig Plätze bei kaum günstigen Tarifen boten. Bei aller Skepsis zeigt man bei "Website" viel Selbstbewusstsein und ist auf den Mitbewerber gespannt, der nur 500 Meter entfernt an den Start geht.

"Letztlich trägt eine solche Unternehmung dazu bei, das Thema Internet-Cafés zu normalisieren", glaubt Meißenburg. So seien zwar längst nicht mehr nur Web-Freaks, sondern Netznutzer jeden Alters und jeglicher Couleur vertreten, doch in breiten Märkten stoße das Surfen, zumal das quasi öffentliche in einem Café, noch auf Vorbehalte. Eine mögliche McDonaldisierung der Internet-Café-Branche durch die "Easyeverything"-Offensive scheint also nicht per se negativ zu sein.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben